Neue Musik

"Nobelpreis der Musik": Rebecca Saunders erhält den Ernst-von-Siemens-Musikpreis 2019

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 17. Januar 2019 um 00:01 Uhr

Klassik

Der internationale Ernst von Siemens Musikpreis 2019 geht an die britische Komponistin Rebecca Saunders. In der Neue-Musik-Szene im Südwesten ist die Künstlerin seit langem etabliert.

Sie gehört zu den originellsten Komponistinnen einer mittleren Generation und ist doch außerhalb der Neue-Musik-Szene kaum bekannt. Das dürfte sich nun ändern: Rebecca Saunders erhält den internationalen Ernst-von-Siemens-Musikpreis 2019. Die Auszeichnung "für ein Leben im Dienste der Musik" ist mit 250 000 Euro dotiert und gilt als Nobelpreis der Musik. Saunders ist nach der Geigerin Anne-Sophie Mutter erst die zweite Frau, die den seit 1974 verliehenen Preis bekommt, und damit die erste Komponistin.

Das Kuratorium der Ernst von Siemens Musikstiftung zeichnet Rebecca Saunders für ein kompositorisches Werk aus, heißt es in der Begründung, "das durch seine produktive Widersprüchlichkeit, die Vielfalt klangfarblicher Nuancen und eine unverwechselbare Klangsprache ‚sichtbare‘ und bedeutende Spuren in der Musikgeschichte der Gegenwart hinterlässt".

In der Regio hat man das wiederholt in Konzerten des Freiburger ensemble recherche oder des ehemaligen SWR-Sinfonieorchesters erleben dürfen. Und auch das Freiburger Barockorchester (FBO) ist mit Saunders in "Berührung" gekommen. In seinem groß angelegten Projekt "About Baroque" mit zeitgenössischer Musik für das Originalklangensemble hatte das FBO auch ein Werk bei Saunders in Auftrag gegeben: "rubricare" charakterisierte der Autor dieser Zeilen damals in seiner Kritik in der Badischen Zeitung 2005 als ein "atmosphärisch ganz dichtes, leises Stück in Clusterstrukturen, das eine der profiliertesten Gegenwartskomponistinnen erkennen lässt".

Die gebürtige Londonerin Saunders, Jahrgang 1967, entstammt einer Musikerfamilie. Dank eines Stipendiums der Edinburgh University konnte sie ihr Kompositionsstudium bei Wolfgang Rihm in Karlsruhe absolvieren – wegweisend mit Blick auf ihren unkonventionellen Zugang zu den musikalischen Dingen. "Saunders belehrt nicht", beschreibt der Leiter der Donaueschinger Musiktage, Björn Gottstein, einen ihrer Zugänge zur Klangkunst: "Sie beobachtet und stellt Fragen: Und sie zeigt, dass Stille mehr sein kann als die Abwesenheit von Geräuschen."

In diesem Aufsatz über Saunders weist Gottstein auch auf Saunders’ intensive Auseinandersetzung mit dem Werk Samuel Becketts hin. "Fast könnte man sagen, dass Becketts Denken all ihre Musik grundiert." Wie auch immer, diese Musik geht einher mit einem unstillbaren Forscherdrang, der auch die Korrelation zwischen Raum und Interpret hinterfragt. Bei den Donaueschinger Musiktagen 2011 verteilte Saunders in ihrer Raumcollage "stasis" 16 Instrumentalisten im verdunkelten Saal und ließ diese über gehauchte und gesprochene Töne korrespondieren.

Ihre musikalische Heimat hat Rebecca Saunders, die in England erst sehr spät wahrgenommen wurde, in Berlin gefunden, wo sie auch Mitglied der Akademie der Künste ist. Den Ernst-von-Siemens-Musikpreis wird sie am 7. Juni in München vom Stiftungsratsvorsitzenden Peter Ruzicka entgegennehmen. Die Namen der drei Förderpreisträger, die an diesem Tag ebenfalls ausgezeichnet werden, gibt die Stiftung Ende Februar bekannt.