Noch ist nicht alles Gold, was glänzt

Matthias Kaufhold

Von Matthias Kaufhold

Mo, 03. September 2018

Oberliga BaWü

Der Bahlinger SC verteidigt seine Tabellenführung mit einem 2:1-Sieg gegen die hoch gehandelten Stuttgarter Kickers – und doch gilt es, den Ball flach zu halten.

FUSSBALL. Oberliga: Bahlinger SC – SV Stuttgarter Kickers 2:1 (2:0). Der Moment, der die konträre Gefühlslage der beiden Vereine am Samstag am besten illustrierte, ereignete sich in der Pressekonferenz. Auf die Frage, ob trotz der Niederlage alles ruhig in Stuttgart bleibe, legte Kickers-Trainer Tobias Flitsch allen Ernst in ein einziges Wort: "nein". Den VIP-Raum ergriff gewichtige Stille, die jäh durch Jubelgesänge aus den Katakomben beendet wurde. Die Bahlinger Spieler feierten hörbar ihren dritten Saisonsieg, der sie an der Tabellenspitze belässt – und das gegen den großen Titelfavoriten, der nach der dritten Pflichtspielniederlage (am Mittwoch waren die Kickers durch ein 0:1 gegen Backnang aus dem Verbandspokal geflogen) einstweilen in den Untiefen der Oberliga entschwunden ist (Rang zwölf). Nein, es bleibt sicher nicht alles ruhig im Stuttgarter Stadtteil Degerloch. Und wohl auch nicht für Trainer Flitsch.

Dafür hatte der Absteiger aus der Regionalliga, dessen Fall aus der Dritten Liga vor zwei Jahren den Bahlingern einen Platz in eben jener Regionalliga gekostet hatte, offensiv einfach zu wenig auf die Reihe bekommen. Nach dem Anschlusstreffer zum 1:2 durch ein Kopfballtor von Leander Vochatzer (49.) verlagerten die Gäste das Geschehen zwar weitgehend in die Bahlinger Hälfte, echte Torchancen entstanden dabei trotz einer Vielzahl an Eckbällen und Freistößen aber nicht.

Die Stuttgarter Harmlosigkeit reklamierten anders herum die Bahlinger als Beleg eigener Stabilität. "Die Mannschaft hat eine unglaubliche Mentalität gezeigt", lobte Axel Siefert, eine Hälfte des BSC-Trainergespanns mit Dennis Bührer, den nimmermüden Kampfgeist in Halbzeit zwei. Dabei musste auch Siefert einräumen, dass seine Offensive nach dem Seitenwechsel fast zum Erliegen kam. "Da war mehr Reaktion als Aktion, wir haben uns nicht mehr durchsetzen können", so der Coach der Kaiserstühler.

In der Tat sollte die Bahlinger Angriffsflaute im zweiten Durchgang, die nur ein harmloser Schussversuch von Yannick Häringer unterbrach (79.), die Euphorie rund um die Ponde zügeln. Noch ist im Bahlinger Spiel nicht alles Gold, was glänzt. Noch fehlen Vergleiche gegen Teams, die wie Reutlingen oder Bissingen schon jetzt auf Topniveau agieren. "Wir standen in der zweiten Halbzeit zu tief und haben das Spiel mit Ball vermissen lassen", analysierte Kapitän Tobias Klein selbstkritisch. In den Zweikämpfen sei man zudem "nicht so griffig" aufgetreten.

Dabei liegt gerade hier wohl der Schlüssel für den aktuellen Erfolg des BSC. Mit Aggressivität, Mut und guter Raumaufteilung drückten die Rot-Weißen die Blauen vor der Pause nach hinten. Vor allem über die rechte Seite mit dem passsicheren und offensivfreudigen Außenverteidiger Laurentiu Petean ging viel. Von hier kam auch der Freistoß, den Erich Sautner auf den Kopf von Häringer zum 1:0 zirkelte (29.). Über rechts leitete Ergi Alihoxha auch den Konter zum 2:0 durch Klein ein, nachdem das Bahlinger Pressing einen Ballverlust von Amachaibou in der Stuttgarter Hälfte erzwungen hatte (38.).

So viel Draufgängertum wollen sich die Kaiserstühler unabhängig vom Spiel- und Tabellenstand in diesem Jahr nicht nehmen lassen. "Das aggressive Anlaufen und Zweikampfverhalten wird der Weg bis zum letzten Spieltag sein", kündigte Siefert forsch an. Bewusst will das Trainerduo dabei auch "das Risiko eingehen, unsere Füchse einzuwechseln" (Siefert). Gemeint ist die Generation selbst ausgebildeter Jugendspieler wie Luca Köbele, Jonas Siegert oder Nyamsi Mbem-Som, die allesamt im zweiten Durchgang aufs Feld kamen. Erbhöfe für Arrivierte solle es keine mehr geben. Was zählt, sind das Leistungsprinzip und das Engagement im Training. Und die Youngster zeigten gerade auswärts, dass ihre Hereinnahme kein Bruch im Spiel bedeutet. Im Gegenteil. "Die Jungen machen richtig Feuer", hat der sportliche Leiter August Zügel erkannt. Ihre Linie wollen Siefert und Bührer auch dann durchziehen, wenn Rückschläge eintreten. Und die werden im Laufe der Saison sicher nicht ausbleiben.

Die nächste Aufgabe erwartet die Bahlinger am kommenden Samstag gegen Aufsteiger TSV Ilshofen wieder zu Hause. Das Auswärtsspiel des kommenden Mittwoch-Spieltags in der Oberliga beim 1. CfR Pforzheim wurde auf Dienstag, 11. September (18 Uhr), verlegt.

Bahlingen: Müller; Petean, Nopper, Adam, Faller (64. Köbele); Alihoxha, Häringer, Klein; Sautner, (79. Siegert), Higl (85. Mbem-Som), Ilhan (69. Wehrle). Stuttgart: Castellucci; Ludmann, Jäger, Feisthammel, Niedermann; Auracher (59. Kling), Blank; Badiane, Amachaibou (78. Stepcic), Klauß (88. Landeka), Vochatzer (78. Tunjic). Tore: 1:0 Häringer (29.), 2:0 Klein (38.), 2:1 Vochatzer (49.). Schiedsrichter: Bergmann (Erbach). Zuschauer: 832.