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21. Juni 2012

Nonnenweier zögerte bis zuletzt

40 JAHRE GEMEINDEREFORM: Das Dorf verhielt sich ruhig / Manche werfen den Akteuren vor, sich hätten die Reform verschlafen.

  1. Briefkopf Unterschriftenliste Nein zu Schwanau Foto: privat

  2. Das Rathaus von Nonnenweier Foto: christoph Breithaupt

SCHWANAU-NONNENWEIER. Die heutige Ortsvorsteherin Dagmar Frenk hadert beim Thema "40 Jahre Gemeindereform". Sie findet, ihr Dorf hat sie verschlafen. Die Haltung des Diakonissendorfes kann man mit "abwartend" beschreiben. Ende März 1972 wurden die Verträge zur Bildung von Schwanau – und damit zur Aufgabe der Eigenständigkeit – unterzeichnet.

Wittenweier/Ottenheim und Meißenheim/Kürzell waren schneller. Die beiden Paare hatten sich schon eilig zusammengeschlossen, bevor die Nonnenweierer reagierten. Hätten sie sich vorab mit Wittenweier zusammengetan, es hätte anders laufen können für das Dorf, glaubt die Ortsvorsteherin Frenk. Zumindest hätte es Verwaltungssitz werden können, mutmaßt sie.

Hätte, könnte. Als Wittenweier sich im Frühjahr 1971 um die Gunst von Nonnenweier und Ottenheim bemühte, war der Druck seitens der Landesregierung groß. Immer wieder hieß es, die versprochenen erhöhten Zuweisungen würden reduziert oder nicht fließen, wenn die Dörfer sich nicht freiwillig zusammenschlössen. Wittenweier nahm diesen Druck ernst und die Zügel in die Hand. Per Brief fragten die Wittenweierer in Nonnenweier und in Ottenheim an.

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Ottenheim reagierte, Nonnenweier ließ sich mit der Antwort Zeit. Wenn die Ortsvorsteherin heute daran denkt, regt sie sich auf. Als starkes Duo mit Wittenweier hätte Nonnenweier den Verwaltungssitz des südlichen Rieds durchsetzen können, ist sie sicher. Doch erst kurz vor Ende der Frist antwortete Nonnenweier. Im Gemeinderatsprotokoll heißt es zur Wittenweierer Anfrage: "Einstimmig ist der Gemeinderat der Meinung, dass man diese so wichtige Sache nicht überstürzen darf und abwarten (soll), wie sich diese Reform im Laufe der Zeit entwickelt, zumindest im Laufe des Jahres." Da übersprang Wittenweier Nonnenweier und ging zu Ottenheim. Das Diakonissendorf hatte mit rund 1800 Einwohnern eine stattliche Größe und laut Dagmar Frenk auch finanziell etwas zu bieten. Man hätte sich gegenüber Ottenheim (etwa 2000 Einwohner) oder Meißenheim (etwas mehr als 2000 Einwohner) eine Macht ausrechnen können.

In den Gemeinderatsprotokollen spiegelt sich aber Zurückhaltung wider – ganz anders etwa als die forschen Meißenheimer, die um Macht und Mitbestimmung rangen und sich später auch nicht scheuten, die Zusage zu einer südlichen Riedgemeinde mit Allmannsweier, Nonnenweier, Wittenweier und Ottenheim wieder zurückzunehmen, weil ihnen für den Verlust des Verwaltungssitzes an Ottenheim zu wenig an Ausgleich angeboten worden war. Ob Nonnenweier tatsächlich Chancen auf den Sitz der Verwaltung gehabt hätte, ist ungewiss. Kaum etwas in den Aufzeichnungen deutet darauf hin. Im Gegenteil. Aus einem Protokoll aus der Sitzung am 8. Februar 1972 geht hervor, dass Bürgermeister Andreas Wirth selbst entweder Allmannsweier oder Ottenheim als Zentrum sah. Rudolf Häs, erster Ortsvorsteher des eingemeindeten Nonnenweier bis 1999, ist heute der Meinung, dass man sehr wohl damit leben könne, nicht Verwaltungssitz der neuen Gemeinde zu sein. Vorwürfe, den Akteuren der Reform gegenüber findet er ungerecht. Er persönlich habe damals Ottenheim als Hauptsitz als die pragmatischste Lösung empfunden.

Zurück in die Vergangenheit. Eine entscheidende Sitzung war am 17. Januar 1972 im Rathaussaal Ottenheim. Hier beschwor Landrat Georg Wimmer, dass man an einer ganz neuen Gemeinde nicht herumkomme – eben der südlichen Großgemeinde. Die Beteiligten rangen sich später zu dieser Entscheidung durch – noch mit Meißenheim im Boot. Ottenheim wurde als Verwaltungssitz akzeptiert, ebenso der Gemeindename "Schwanau". Was einigen Nonnenweierern nicht gefiel. Mit Unterschriftenlisten sprachen sie sich für einen Namen aus, in dem "Ried" vorkommt. Ohne Erfolg.

Landrat Wimmer mühte sich indes, den Beteiligten die Belohnung für die Fusion, den "goldenen Zügel", schmackhaft zu machen. Es sei klar, sagte er dem Gemeinderat von Nonnenweier am 27. Januar 1972, dass die Dörfer darauf nicht verzichten könnten. Einige Gemeinderäte fanden den Weg richtig, andere überstürzt. Einer kritisierte, man habe zu wenig diskutiert, ein anderer, man "habe sich in diesem Hause der Reform verschlossen." Ein weiterer sprach sich für die Eingemeindung nach Ottenheim (mit Wittenweier) aus. Dass die Mehrzuweisungen des Landes "den neuen Verwaltungsgebäuden" zum Opfer fallen könnten und wie es um die Bürgernähe bestellt sei – das waren die Zweifel, die die Gemeinderäte an den Landrat adressierten.

Letztlich zog der goldene Zügel. Räte und Bürgermeister stimmten noch in der selben Sitzung mit 10:1 für eine neue südliche Riedgemeinde. Das Land sollte die Zuwendungen für Nonnenweier mit rund 160 000 D-Mark aufstocken. Vorhaben wurden für die kommenden Jahre in die Vereinbarung aufgenommen: die Kanalisation, eine Mehrzweckhalle, der Ausbau landwirtschaftlicher Wege und ein Wasserversorgungsnetz.

Bürgermeister Andreas Wirth tat es dennoch weh, am 28. März 1972 die "Vereinbarung zur Neubildung der Gemeinde Schwanau" zu unterzeichnen. In seiner Ansprache hörte man förmlich die Schmerzen: "Nicht leichten Herzens vollziehe ich in dieser Stunde die Unterschrift unter einen Vertrag, der die Selbständigkeit unserer Gemeinde und auch der anderen aufgibt. Nicht leichter wird es, so glaube ich annehmen zu dürfen, meinen mitunterzeichnenden Kollegen Reitter aus Allmannsweier und Häß aus Ottenheim in diesem Augenblick zu Mute sein." Damit ende die fast 1200 Jahre alte Tradition eines eigenständigen Nonnenweier.

NONNENWEIER: SO STIMMTE NONNENWEIER FÜR SCHWANAU

Der Gemeinderat: 10:1 Stimmen für die neue Einheitsgemeinde Schwanau

Die Bürger: Nonnenweier: 74 Prozent, bei einer Wahlbeteiligung von 34 Prozent.  

Autor: ude

Autor: Ulrike Derndinger