Mit der Zeit des Betrachtens offenbaren die Bilder ihre tieferen Schichten

Susanne Ramm-Weber

Von Susanne Ramm-Weber

Di, 26. Juni 2018

Oberkirch

Mit luftiger Malerei, Aquarellen und Collagen gastieren die Arbeiten der Künstlerin Gabriele Straub im Heimat- und Grimmelshausenmuseum Oberkirch.

OBERKIRCH. Persönliche Präferenzen, Vorlieben und Neigungen sind etwas höchst Subjektives. Es ist aber kein Zufall, dass der Oberkircher Künstler Rainer Nepita die Malerin Gabriele Straub aus Reutlingen für eine Ausstellung in den Räumen der städtischen Galerie im alten Rathaus Oberkirch auswählte. Über die Galerie Albert Baumgarten in Freiburg war der Kontakt entstanden. Die Malerin, die zusammen mit ihrem Mann in Reutlingen eine hochkarätige Sammlung zeitgenössischer Kunst zusammengetragen hat und sie auf luftig feine Weise präsentiert, ist an der Farbe, ihren Zusammenklängen und Wechselwirkungen interessiert.

Sie fokussiert sich auf großformatige Bilder in Ei-Tempera-Technik, Aquarelle und Collagen. Die Gegensätze und das Komplementäre, das sich zu einem Ganzen fügt, sind Grundprinzipien ihres Schaffens. Das wird nicht nur in den einzelnen Arbeiten, sondern auch in der Hängung sichtbar. Hellblau und Orange machen ein lebendig anregendes Raumgefühl, luftig und leicht. Die Ei-Tempera-Bilder muten rhythmisch an, Verdichtungen und Auflockerungen geben dem Bild seine Komposition, eine tiefer innewohnende Struktur. Aus diesen tieferen Schichten blinzeln hellgelbe Farbspuren hervor, alles ist ineinander verwoben, eine leichte Dominanz liegt auf der obersten Schicht, gewissermaßen dem Finish. Die Tonalität eines Bildes bestimmt sich aus dem verwobenen All-Over, es entsteht der Eindruck einer Einheitlichkeit, die bei genauerem Hinsehen dann keine ist, "Giverny", so der Titel des warm hellblauen Himmels als Hommage an Claude Monets Garten. Die Bilder erfordern Zeit in der Betrachtung, dann offenbaren sich die tieferen Schichten, der Sinneseindruck hinterlässt andere Spuren im Auge. Reizvoll ist die Gestik, die mitunter Schreibbewegungen aufnimmt. Die Farbe läuft am Ende im trockenen Pinsel aus, ist nicht mehr verbunden, sondern wird zu einzelnen Farbfleckchen.

An den Aquarellen sieht auch der ungeübtere Betrachter die Vorgehensweise. Nur zwei Blautöne, locker über das Bild verteilt, kommen mal übereinander, mal nebeneinander zu liegen und gehen so eine gemeinsame Wirkung ein. In einem nächsten Stadium würde eine andere, komplementäre Schicht darüber gelegt, bis der Farbklang stimmt. Die Form ergibt sich aus dem Pinselabdruck mit einer sanften Bewegung. Gabriele Straub, die Mitglied im Künstlerbund ist, ist im eigentlichen eine Forscherin, die diese Farbklänge untersucht. Gleiches tut sie auch in den Collagen. Minutiös formen vielzählige kleine Ausrisse oder Ausschnitte aus abgelaufenen Auktionskatalogen, säuberlich nach den Farbwerten sortiert, ein neues Bild. Lediglich geringfügige Abweichungen, gezielt gesetzte Kontraste ergänzen den Farbklang, die warmen und die kalten Farben, sie sorgen für Spannung in der Komposition. Das gilt ähnlich für die Ausrisse der Poststempel mit ihren wellenförmigen Linien. Sie alle gesammelt und zu einer Collage verarbeitet, ergeben ein Flussbild, das mitunter räumliche Nuancen annimmt. Eine sehenswerte, im Ganzen ruhige Ausstellung voller Energie ist entstanden. Von Rainer Nepita ist ein Werk mit dunklem Grund zu sehen, darüber die florale Linienzeichnung.

Heimat- und Grimmelshausenmuseum, Altes Rathaus, Hauptstraße 32, 77704 Oberkirch. Öffnungszeiten: Di u. Do. 15 - 19 Uhr, So. 10 - 12:30 Uhr und 14 - 17 Uhr. Bis 29. Juli 2018.