Vorsorge in Bürgerhand

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Mo, 30. Juli 2018

Oberried

Grundsteinlegung und Richtfest auf dem Usulinengelände in Oberried.

OBERRIED. Zwei in ihrer engen Kombination in der weiteren Region wohl einmalige Projekte hatten in Oberried Grund zum Feiern: Für das Mehrgenerationen- und Begegnungshaus wurde der Grundstein gelegt. Dort sollen auch Einrichtungen für Tagespflege, eine Wohngruppe für an Demenz leidende Menschen und Wohnungen für Angehörige entstehen. Außerdem wurde Richtfest gefeiert für das erste von zwei genossenschaftlichen Mehrfamilienhäusern mit 24 sozialen Wohnungen.

Beide Objekte entstehen in unmittelbarer Nachbarschaft auf dem im Ortskern gelegenen Ursulinengelände. Das Besondere dieser Projekte besteht darin, dass sie ohne jeden privatwirtschaftlichen Investor mit Profitinteressen auskommen, vielmehr auf jeder Menge ehrenamtlichem Engagement und genossenschaftlicher Finanzierung aus der Bürgerschaft basieren und von Anfang an von Gemeinderat und Verwaltung vollumfänglich unterstützt wurden.

Die Grundsteinlegung
Bürgermeister Klaus Vosberg leitete die Grundsteinlegung des Mehrgenerationen- und Pflegeprojekts mit einer Würdigung der Bürgergemeinschaft Oberried (BGO) ein. Die BGO wurde 2015 als gemeinnütziger Verein gegründet und deren mittlerweile mehr als 250 Mitglieder engagierten sich ehrenamtlich bei vielerlei sozialen Notlagen und Aufgaben wie der Alltagsbegleitung von alten oder pflegebedürftigen Menschen. Die BGO habe die inhaltliche Konzeption, "die Software" des Projekts, ausgearbeitet und zeichne in Zusammenarbeit mit externen Pflegediensten künftig für den Betrieb der Pflegeeinrichtungen verantwortlich. Die Gemeinde bilde als Bauherr das Rückgrat des Projekts und dem Gemeinderat sei das eine Herzblutangelegenheit, so Vosberg. Er befüllte zusammen mit BGO-Vorstand Franz-Josef Winterhalter eine Kunststoffröhre mit der aktuellen BZ, einer Flasche regionalem Bier und einem Faksimile des vor Baubeginn verabschiedeten gemeinsamen Dokuments von Gemeinde, BGO und der Wohnbaugenossenschaft für das Gesamtvorhaben. Zusammen mit Architekt Peter Ritter betonierte er den Behälter in die vorbereitete Kastenform in der Baugrube ein. Winterhalter erinnerte an die früheren Leibgeding-Wohnräume auf den Bauernhöfen für die Alten nach Übergabe an die Nachkommen. Nun werde ein "Dorf-Leibgeding" für die Allgemeinheit entstehen und so könne verhindert werden, dass alte Menschen noch hochbetagt aus der Gemeinde wegziehen müssten. Lucia Eitenbichler, als BGO-Koordinatorin der mittlerweile 40 zu Alltagsbegleiterinnen qualifizierten Frauen, stellte deren auf große Bachkiesel gemalten Wünsche für das Projekt vor. Sie äußerte die Hoffnung, dass diese künftig ihren Platz in der Gestaltung des Ambiente fänden. Auf den Steinen war von "Mutige neue Wege gehen", "Ich darf sein, wie ich bin" und von "Wertschätzung, Würde und Zugehörigkeit" die Rede.

Das Richtfest
Die zahlreich erschienenen Bürgerinnen und Bürger schritten nun in Richtung Rohbau des ersten Gebäudes der Wohnbaugenossenschaft Ursulinenhof (WGU). Ihr Sprecher Daniel Schneider eröffnete die Richtfestzeremonie mit der Feststellung, dass hiermit bewiesen sei, dass Bürger auch ein "5,5- Millionenprojekt stemmen könnten", wenn man gemeinsam handle. Er, wie auch alle seine Vorredner, sahen Mehrgenerationenhaus und Wohnungsbau auf dem Ursulinengelände als Einheit und als Zeichen, dass "Oberried zusammengewachsen sei". Durch die bisherigen Einlagen von rund 300 Genossen in Höhe von mehr als 700 000 Euro und günstige Kredite sei die Finanzierung gesichert. Für ihn sei das Ursulinengelände Beispiel und Startschuss für weitere bürgerschaftlich organisierte Projekte zur gemeinsamen Daseinsvorsorge. Herbert Duttlinger, Geschäftsführer der ausführenden Firma Holzbau Bruno Kaiser, erläuterte Details der Bauweise, darunter den Materialverbrauch von zirka einem Hektar Wald für die beiden Gebäude.

Dann richteten sich alle Blicke auf den Dachstuhl des in kompletter Holzbauweise errichteten Gebäudes. Helmut Böhler und Alex Brugger, beide für Konstruktion und Bauleitung verantwortlich, hatten den Richtbaum an den First genagelt und trugen in launigen Reimen die guten Wünsche des Richtspruches vor. Ihre nach altem Brauch in die Baugrube geworfenen Gläser zerfielen wunschgemäß als günstiges Omen in Splitter. Die Ziehung der Gewinne einer PR-Aktion der WGU durch anwesende Kinder bescherte der anwesenden Oberriederin Veronika Hagemeister zwei Genossenschaftsanteile im Wert von je 1000 Euro. Auf Einladung der Gemeinde löste sich der offizielle Teil dieser denkwürdigen Veranstaltung in ein geselliges Miteinander bei reichlich Speis und Trank auf.