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07. Oktober 2011

Wenn schon, dann sterben wie Gott in Frankreich

Grenzgänger Martin Graff bei der Alemannischen Woche in Oberried über Auffälligkeiten der deutsch-französischen Annäherung.

  1. Der „französische Alemanne“ Martin Graff bei seinem Auftritt in Oberried. Foto: Hans Jürgen Kugler

OBERRIED. Der in Munster im Elsass geborene Martin Graff, umtriebiger Autor, Filmemacher, Kabarettist und BZ-Kolumnist, der sich selbst gern als französischen Alemannen bezeichnet, ließ es sich nicht nehmen, im Rahmen der Alemannischen Woche auch in der Klosterscheune in Oberried aufzutreten.

Martin Graff kennt beide Seiten nicht nur des Rheins, sondern auch die bisweilen recht unterschiedliche Mentalität dies- und jenseits des großen europäischen Stromes. Bestes Beispiel hierfür gäbe der Herr Freiherr von und zu Guttenberg. In Frankreich hätte der Herr Ex-Minister keine Probleme mit seiner Dissertation bekommen – mit einem Doktortitel gehen dort allenfalls die Ärzte hausieren. Martin Graff hat ja laut Selbstauskunft gleich drei akademische Titel: "einen gekauft, einen abgeschrieben und, ja, einen auch gemacht". Aber darüber redet der bescheidene Franzose ja nicht.

In seiner Eigenschaft als "deutsch-französischer Gedankenschmuggler" kommt Graff viel in der Welt und natürlich auch hier in der Region herum und findet auf beiden Seiten des Rheines nur Alemannen, was ihn zu der Einsicht führt, dass die Alemannen die Kurden Europas seien. Und als Europäer haben wir es ja schon weit gebracht. Früher wurde ein Grenzwall nach dem anderen errichtet, "heute dagegen bauen wir Zollhäuser in Restaurants um." Die Deutschen allerdings waren in dieser Disziplin wie immer schneller und gründlicher als die Franzosen – in Breisach hat schon lange ein McDonald’s seine Pforten in dem ehemaligen deutschen Zollhäuschen geöffnet. Aber jetzt endlich wurde auch auf französischer Seite das Zollgebäude abgebaut. Nicht nur die amerikanische Fastfood-Kette zeigt: "An der Grenze entlang entsteht das neue Europa."

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Auf der anderen Seite ist Martin Graff aber auch ein bekennender "Grenznostalgiker" und bedauert es fast ein wenig, dass die innereuropäischen Grenzen gefallen sind. Schließlich hatte er seinerzeit mit seinen "Grenzgeschichten" ja ganz gutes Geld verdient. Nun ja, noch könne er ja auch nach Basel fahren ...

Einstweilen freut sich Graff aber an der deutsch-französischen Annäherung. Die ist mittlerweile sogar so weit gediehen, dass selbst die Franzosen nun die deutsche Furcht vor der Atomkraft teilen. "In Fessenheim haben die Franzosen jetzt eine Hotline, eine Art Sorgentelefon eingerichtet. Wer dort anruft, bekommt dann freundlich mitgeteilt, dass mit dem Atomkraftwerk alles in Ordnung sei." Dazu passt der Werbeslogan, den er kürzlich in einer Zeitungsanzeige entdeckt hatte: "Wenn ich schon in Deutschland lebe, dann möchte ich wenigstens sterben wie Gott in Frankreich."

Aber Europa ist nicht nur Deutschland und Frankreich. In seinem neuen Buch "Grenzvagabund" beschreibt Martin Graff seine imaginäre Suche nach seinem Vater, der als Wehrmachtssoldat in Polen respektive Schlesien umgekommen sein soll. Auch hier macht Graff dieselbe Feststellung wie im Dreiländereck: "Aus der Zollstation haben die Polen dank Europa ein Altersheim gemacht." Allerdings hatte Graff doch so einige Probleme, den Polen zu vermitteln, dass er als französischer Staatsbürger auf der Suche nach seinem französischen Vater ist, der als deutscher Soldat in Polen gefallen ist. Sechzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg stellt sich für den 1944 geborenen Elsässer die Frage nach der Identität erneut: "Unter deutscher Herrschaft auf die Welt gekommen, wurde ich ein paar Monate später Franzose. Hitler hatte alles dafür getan, dass die Elsässer ihre deutschen Wurzeln abgeschnitten haben."

Auch zu diesen Wurzeln sich zu bekennen, bereitet ihm als "Grenzvagabund" und Weltbürger ohnehin keine Probleme und beendet seinen Vortrag dreisprachig mit einem seiner schönsten Gedichte:

"Hänge deine Wurzeln an die Luft und klettere auf die Sterne. Raus aus deiner Angst. Erst dann blickst Du über die Grenzen ins andere Land, ins andere Herz. Erst dann blickst Du über die Grenzen ins eigene Land ins eigene Herz."

Autor: Hans Jürgen Kugler