Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

03. Juli 2012

Ödipale Taschenspielerei

Amélie Nothombs Roman "Den Vater töten": Ödipale Taschenspielerei

Joe Whip ist ein virtuoser junger Trickkünstler, aber von dem "größten Magier der Stadt", dem zwanzig Jahre älteren Norman Terence, kann er noch eine Menge lernen. Zum Beispiel Bescheidenheit, Demut und Charakterfestigkeit; dass große Magier die Kunst der Täuschung nie für profane Zwecke missbrauchen, Söhne dankbar für väterliche Liebe und die Belehrungen eines Meisters sind. Und vor allem: dass die Stiefmutter tabu ist. Aber der arrogante kleine Schlingel spielt falsch: Er betrügt den Mann, der ihn wie einen Sohn aufnahm, nach Strich und Faden.

Denn in Wahrheit will Joe nicht die Menschen mit seiner Kunst verzaubern, sondern ihnen das Geld aus der Tasche ziehen und seine aufgesparte Unschuld an Christina, die schöne Frau seines Ziehvaters, verlieren. Drei Jahre lang hielt der engelhafte Teufel sich rein, würdigte kein Mädchen eines Blicks und legte nicht einmal heimlich Hand an sich. Kaum volljährig geworden, vergisst Joe Keuschheitsgelübde und Inzestverbot: Beim Burning-Man-Festival in der Wüste Nevadas, in der "grenzenlosen Landschaft der Lust", wo Christina als Feuertänzerin auftritt, verführt er die von LSD enthemmte Göttin seiner feuchten Träume.

Werbung


Ein Selbstporträt

als betrogene Betrügerin

Christina bereut ihren Fehltritt bald, Joe seinen doppelten Verrat als Sohn und Meisterschüler keine Sekunde. Dass er im Sündenbabel Las Vegas Karriere als Poker- und Falschspieler macht, ist für seinen Adoptivvater eine Schmach, die einem sozialen und moralischen Totschlag gleichkommt. Am Ende nimmt Joe mit einem höhnischen Geständnis Norman auch noch den letzten Trost: Wenn es je einen Vater in seinem Leben gab, dann war es nicht der grundanständige, alles verstehende und verzeihende Norman, sondern ein belgischer Krimineller, der den Jungen einst mit ein paar Dollar und schönen Worten zum Komplizen seiner Verbrechen machte. Nicht der leibliche oder geistige Vater ist der richtige Vater, sondern ein dahergelaufener Krimineller, der das Blaue vom Himmel verspricht, der "erstbeste" Fremde, der gut zaubern, schmeicheln und verführen kann: Auf so einen existenzialistischen Gedanken kann nur eine diabolische Philosophin vom Schlage Nothombs kommen.

Der aus dem Hut gezauberte Vaterdämon ist zwar kein sehr überzeugender Trick, aber um psychologische Glaubwürdigkeit oder literarische Raffinesse geht es der belgischen Teufelin zuletzt. "Den Vater töten" ist eine schwer ödipale Künstlernovelle, ein wie im LSD-Rausch geschriebenes Selbstporträt als betrogene Betrügerin. Sowohl die magersüchtige Hippieprinzessin Christina als auch ihr genialischer Verführer tragen deutliche Züge von Amélie Nothomb; in der Rahmenhandlung bekommt sogar die Erzählerin das vergiftete Kompliment "Nicht schlecht, ihre Amélie-Nothomb-Verkleidung" zu hören.

Ähnlich wie einst der Schweizer Hobbyzauberer Hermann Burger arbeitet Nothomb virtuos mit mythologischen Andeutungen, Vexierbildern und den Taschenspielertricks der Psychoanalyse, um ihr ebenso großes wie labiles Ego zugleich zu verbergen und zu enthüllen. Auf gerade 120 großgedruckten Seiten tischt sie so nicht nur die alte Geschichte von der ewigen Rivalität zwischen Vater und Sohn, Lehrer und Meisterschüler auf, sondern auch einen Abriss ihrer schwarzen Ästhetik: Das "absolute ewige Begehren" boshaft unschuldiger Kinder kann von der Moral und Vernunft der ahnungslosen Erwachsenen nur pervertiert und zerstört werden.

Der wahre Magier, schreibt Nothomb (natürlich pro domo), "verzerrt die Wirklichkeit zugunsten eines Gegenübers, um in ihm einen befreienden Zweifel wachzurufen". Der Taschenspieler macht es nur für sich, aus niederen Motiven wie Geld, Ruhm und Sex. Aber das nimmt man ihr diesmal nicht ab. "Den Vater töten" ist durchaus spannend erzählt, aber doch eher grobschlächtig dahin gerotzt als durchdacht und ausformuliert. "Gemessen hielten sie Seite an Seite Hof wie König und Königin der mykenischen Zeit, ohne anderes miteinander auszutauschen als ihre Majestät und Schönheit", heißt es einmal über Norman und Christina. "Was diese erhabenen Wesen ausstrahlten, war die Faszination eines Totems".

Wer seine Figuren so schwülstig und eindimensional überzeichnet, schreckt auch vor schwülen Frivolitäten, dröhnendem Pathos, und psychedelisch-esoterischem Quark nicht zurück. Sätze wie "Christinas Körper zeigte eine so starke Dichte ihres Selbst, dass man sich in ihre Zehe ebenso heftig verlieben konnte wie in ihre Haare" erinnern weniger an große Magie als an die faulen Tricks und verpatzten Kunststückchen einer eigentlich begabten Zauberkünstlerin.

– Amélie Nothomb: Den Vater töten. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Diogenes Verlag, Zürich 2012. 121 Seiten, 18,90 Euro .

Autor: Martin Halter