Österreich in der Abwärtsspirale

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Do, 04. Januar 2018

Skispringen

Bei der Vierschanzentournee droht den Skispringern des Nachbarlandes das schlechteste Abschneiden seit vier Jahrzehnten.

INNSBRUCK.Der Himmel war grau über Innsbruck am Mittwoch. Sturmböen schossen durchs Tal und von den Bergen herunter, und sie ließen die Wipfel der Tannen rund um den Bakken der Bergiselschanze so bedenklich wackeln, dass schon aus der Ferne klar zu erkennen war: Das wird heute schwierig mit der Qualifikation zum dritten Springen der 66. Vierschanzentournee.

Die Organisatoren am wieder einmal vom Wind gebeutelten Bergisel schafften es aber, sie mit zahlreichen Unterbrechungen in fast zwei Stunden durchzuziehen. Bis zum Wettkampf an diesem Donnerstag um 14 Uhr (ZDF) wird sich der Wintersturm "Burglind" wohl beruhigt haben, nicht aber die aufgeregte Diskussion, die das österreichische Skispringen in diesen Tagen umtost. "Alarmstufe Rot" rief die Tageszeitung Österreich aus und konstatierte nach dem Neujahrsdebakel auf der Olympiaschanze von Garmisch-Partenkirchen eine "Mega-Krise" im Lager der rot-weiß-roten Adler. Nicht ganz so aufgeregt titelte indes der Kurier: "Irgendwas läuft gerade schief." Das ist ganz sicher so. Die Frage ist nur: Was eigentlich?

"Man braucht da oben

den Chef, der

Verantwortung übernimmt."

ÖSV-Ex-Chefcoach Pointner über
seinen Nachfolger Heinz Kuttin
Das vermag im Augenblick niemand so richtig zu beantworten. "Wenn I dös wüsst’, dann wär’ I jetzt der Cheftrainer", spottet Michael Unverdorben, Redakteur und Skisprungexperte der Salzburger Nachrichten. Zwei Jahrzehnte lang hatte Unverdorben die Austria-Adler von Erfolg zu Erfolg begleitet. Zwischen 2009 und 2015 gewannen sie die Tournee siebenmal in Folge, und Unverdorben versuchte dann, die deutschen Reporter zu trösten, die das Aufgebot des Deutschen Ski-Verbands (DSV) in dieser Zeit durch tiefe Täler begleiten mussten. Jetzt stecken sie selbst in diesem Tal, die österreichischen Überflieger von einst. Stefan Kraft, ihr letztes verbliebenes Ass, hatte noch im vergangenen Winter zwei WM-Titel und den Gesamtweltcup gewonnen.

Und jetzt? Nach kargen 122,5 Metern landete Kraft an Neujahr in Garmisch-Partenkirchen. Er verpasste den Sprung ins Finale und rutschte in der Gesamtwertung vom vierten auf den 27. Platz (!) ab. Den Österreichern droht das schlechteste Abschneiden seit vier Jahrzehnten bei einer Tournee – und das ausgerechnet im olympischen Winter. Die Uhr tickt unerbittlich 37 Tage vor der Eröffnung der Winterspiele in Südkorea. Was tun? Den Trainer austauschen? Die Athleten? Das Material? Die Debatte im Österreichischen Ski-Verband (ÖSV) wird so stürmisch geführt, als hätte Tief "Burglind" auch die letzten Gewissheiten durcheinander gewirbelt in einem Land, dessen Nachwuchskonzepte und Trainer früher geradezu ein Exportschlager waren.

Die Deutschen fanden ihren Weg aus der Krise, indem sie nach dem Vorbild der Österreicher vor einem Jahrzehnt ein zentral gesteuertes Stützpunktsystem konzipierten. Sie engagierten österreichische Erfolgstrainer wie Werner Schuster, der nun den Deutschen Richard Freitag zum Tourneesieg führen könnte. Sie holten Stefan Horngacher, der die flügellahmen deutschen Adler erst als Nachwuchscoach im Schanzenzentrum Hinterzarten wieder fit machte für Langstreckenflüge – und der dies so erfolgreich tat, dass die Polen nun ebenfalls auf Horngachers Künste vertrauen. Polens Chefcoach, der nach wie vor in Titisee-Neustadt lebt, könnte Kamil Stoch zu seinem zweiten Gesamtsieg nacheinander begleiten.

In Österreich hingegen fliegen im Augenblick nicht die Adler, sondern die Fetzen. Ex-Chefcoach Alexander Pointner ätzt, sein Nachfolger Heinz Kuttin engagiere sich völlig unzureichend für das ÖSV-Team. Er sei zu schwach, zu sensibel, und er lasse sich nicht blicken an der Schanze beim Training. "Es ist schon befremdend, wenn der Cheftrainer nicht selbst am Trainerturm steht, sondern sich von einem Co-Trainer vertreten lässt", sagt Pointner, der 2014 geschasst wurde, über Kuttin: "Man braucht da oben den Chef, der Verantwortung übernimmt."

Kuttin ist angezählt, das steht fest, doch er kann längst nicht für alles verantwortlich gemacht werden. Dass der einstige österreichische Überflieger Gregor Schlierenzauer, kaum hatte er aus seiner Sinnkrise herausgefunden, sich gleich noch einen Kreuzbandriss zuzog, ist nicht Kuttins Schuld. Michael Hayböck verletzte sich im Oktober am Fuß, Andreas Kofler leidet unter einer Autoimmunkrankheit, Manuel Fettner kränkelt seit Tourneebeginn. Unerklärlich bleibt indes, warum die Österreicher, einst gepriesen für die Förderung ihres Nachwuchses, neuerdings keine jungen Schanzen-Asse mehr hervorbringen, die in die Bresche springen könnten.

Vieles erinnert aus deutscher Sicht an den Winter 2002/2003. Die Erfolgs-Ära von Martin Schmitt und Sven Hannawald endete damals, bei der Nordischen Ski-WM im italienischen Val di Fiemme blieben die Medaillen aus – was erst zu einem teilweisen und dann zu einem radikalen Bruch mit den Traditionen führte. Trainer Reinhard Heß musste seinen Hut nehmen, seine Nachfolger Wolfgang Steiert (2003-2004) und Peter Rohwein (2004-2008) konnten die Abwärtsspirale nicht stoppen – bis dann der DSV alles, aber auch wirklich alles umkrempelte und das österreichische System kopierte. Seit 2008 darf Bundestrainer Werner Schuster unangefochten wirken – ein Schlüssel des Erfolgs.

In Österreich hingegen scheint nun eine ähnliche Panik zu herrschen, wie sie das deutsche Team damals vor 15 Jahren in Val di Fiemme erfasst hatte. In aller Eile besorgte der österreichische Verband vor dem Bergiselspringen an diesem Donnerstag neue Sprunganzüge und neu geschliffene Sprungskier für die Athleten. Genau so, mit neu geschliffenen Skiern, hatte 2003 in Val di Fiemme Reinhard Heß noch versucht, alles zum Besseren zu wenden.

Vier Wochen später musste er gehen.

Alle sieben Skispringer des DSV qualifizierten sich für den Wettkampf. Der Japaner Junshiro Kobayashi gewann die Qualifikation vor dem Tournee-Spitzenreiter Stoch und dem Tournee-Zweiten Freitag. Stephan Leyhe aus Breitnau wurde Zwölfter. Elf der zwölf Österreicher qualifizierten sich auch.