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11. März 2009 18:52 Uhr

Drama in Winnenden

Amoklauf ruft in Offenburg böse Erinnerungen wach

Blankes Entsetzen hat der Amoklauf an der Schule in Winnenden bei den Offenburgern ausgelöst – und zugleich Erinnerungen an den Nikolaustag 2006 geweckt. Damals schreckte eine Amoklauf-Warnung ganz Deutschland auf. Doch was hat sich seitdem verändert?

  1. Am Nikolaustag 2006 schreckte eine Amoklauf-Warnung in Offenburg Deutschland auf. Foto: helmut seller

OFFENBURG. Der Vorfall hat bleibende Spuren hinterlassen. Die Zeit wurde von der Polizei wie von den Schulen genutzt, um sich intensiv auf den Ernstfall vorzubereiten. "Wir sind heute besser aufgestellt als vor drei Jahren", sagt der Ortenauer Polizeichef Reinhard Renter.

Lange war es unvorstellbar, dass es auch in Deutschland zu einem Amoklauf kommt. Dann erschoss am 26. April 2002 am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt der 19-jährige Robert Steinhäuser zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten. Anschließend tötete er sich selbst. Am 20. November 2006 folgte eine ähnliche Tat an der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten (Nordrhein-Westfalen). Der 18-jährige Bastian B., der im Internet auch unter dem Pseudonym ResistantX auftrat, betrat gegen 9.30 Uhr maskiert das Gelände seiner ehemaligen Schule, schoss wahllos um sich. Anschließend tötete er sich selbst. Fünf Menschen wurden durch Schüsse verletzt, weitere 32 mussten wegen Schocks oder Rauchvergiftung behandelt werden. Nur zwei Wochen später stand auch Offenburg wegen einer landesweiten Amoklauf-Warnung im Brennpunkt.

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"Plötzlich war man selbst mittendrin", erinnerte sich Emil Roth, Sprecher der Polizeidirektion, in einer Rückschau. In Verdacht war ein Zwölftklässler des Technischen Gymnasiums Offenburg geraten, der seinerzeit als vermisst gemeldet worden war und am Nikolaustag tot nahe seinem Wohnort Meißenheim gefunden wurde. Er hatte sich mit einer Pistole seines Großvaters das Leben genommen.

Wer es wirklich war, ist bis heute nicht bekannt

Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände, die den 18-Jährigen damals in Verbindung mit der Ankündigung eines Amoklaufs im Internet brachte, die zu landesweiten Warnungen führte. Einen Tag nach dem Tod des 18-Jährigen stand zweifelsfrei fest, dass er nicht der Computerspieler war, der einen Anschlag auf eine baden-württembergische Schule geplant hatte. Wer es wirklich war, ist bis heute unbekannt. Gleichwohl hat der tragische Vorfall bleibende Spuren hinterlassen – sowohl die Polizei als auch die 220 Schulen mit ihren 53 000 Schülern in der Ortenau wären heute auf den Ernstfall besser vorbereitet. "Wir haben an allen Schulen die notwendigen Daten erhoben", sagt Polizeichef Reinhard Renter. Ob es um Grundrisse, das Schließverhalten von Türen, Zugangsberechtigungen und Lagepläne geht – alles wurde gemeinsam mit dem Landratsamt und den Schulen erfasst. "Das war ein gigantischer Aufwand", erinnert sich Renter. Aber heute wisse man genau, wer in welchen Schulen wo untergebracht sei.

Parallel zu dieser Datensammlung hat Renter 450 seiner rund 700 Beamtinnen und Beamte schulen lassen. Sie wissen heute mehr über taktisches Vorgehen bei einem Amoklauf an einer Schule, als noch 2006. Dabei ist dem Polizeichef klar, dass dies nur ein Grundgerüst sein kann: "Man kann sich auf einen solchen Fall nicht vorbereiten – weil er außergewöhnlich ist."

"Jede Schule hat ihren Ansprechpartner" Polizeichef Reinhard Rentner
Auch mit den Schulen steht die Ortenauer Polizei laut Renter in einem permanenten Kontakt: "Jede Schule hat ihren Ansprechpartner beim zuständigen Revier." Der Polizeichef glaubt, dass die Verantwortlichen in den Schulen heute sensibler geworden sind für Auffälligkeiten: "Sie achten eher auf Signale." Das hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass "der eine oder andere Sachverhalt" doch mit der Polizei besprochen wurde – und wird. Details will Renter verständlicherweise nicht nennen. Persönlich empfindet der Polizeichef "Betroffenheit und unendliche Trauer" – als Vater einer siebenjährigen Tochter weiß er nur zu gut, was Eltern angesichts der gestrigen Tragödie durch den Kopf geht.

Auch an den Schulen sorgt Winnenden in den kommenden Tagen für reichlich Gesprächsbedarf. Schon ein Jahr nach der Amoklauf-Warnung vom Nikolaustag war eine Bilanz von Offenburger Schulleitern sehr positiv ausgefallen: "Das hat eine außerordentlich nachhaltige Wirkung", sagte etwa Hans Entringer, Leiter der Offenburger Klosterschulen, die als Innenstadtschulen seinerzeit besonders gefährdet schienen. Seither sei alles unternommen worden, was an Prävention möglich sei. Die Zusammenarbeit mit der Offenburger Polizei lobte er als exzellent. Ähnlich äußerte sich Jess Haberer, Rektor der Georg-Monsch-Schule. Er war seinerzeit in Kritik geraten, weil er ob der Amoklauf-Warnung die Schule absperrte und keine Hofpause zuließ – eine Maßnahme, von der er auch rückblickend überzeugt ist. Wie an vielen anderen Schulen in der Ortenau auch wurden an der Monsch-Schule Strategien gegen Gewalt an der Schule entwickelt und die Kontrollmechanismen sensibilisiert. Reaktionen würden im Ernstfall klarer ausfallen.

INFOBOX
Trittbrettfahrer muss 50.000 Euro bezahlen
Nach dem Amoklauf von Winnenden fürchtet die Polizei Trittbrettfahrer. Auch nach der Amoklauf-Warnung in Offenburg hatte sie mit Nachahmern viel Arbeit. Allerdings setzte die Justiz schnell klare Signale. So wurde ein 19-Jähriger Ortenauer vom Amtsgericht Rastatt zu vier Wochen Arrest verurteilt. Er hatte in einem E-Mail an das Landeskriminalamt einen Überfall auf die Berufsschule Achern angekündigt und wollte damit seiner Freundin imponieren. Das Imponiergehabe kommt teuer: Der 19-Jährige muss den Einsatz von mehr als 100 Polizisten bezahlen. Die Rechnung über 50 000 Euro an den jungen Mann ruht laut Polizeisprecher Jürgen Gießler bis er Geld hat.

Autor: Helmut Seller