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21. März 2017

"Angst? Dann meld’ dich halt bei Facebook ab!"

Florian Schröder praktiziert in der Offenburger Reithalle scharfsinnige Lebenshilfe angesichts der tagtäglich in Washington und Istanbul verbreiteten Erregung.

  1. Florian Schröder Foto: Frank Eidel

OFFENBURG. Die Bahn hätte am Freitag fast den Auftritt von Florian Schröder in der Offenburger Reithalle verhindert. Sein Programm heißt "Entscheidet euch" – in einer Welt der 1000 Optionen ein echter Kraftakt. Aber erst einmal küsst Schröder den Bühnenboden, nachdem er Offenburg endlich erreicht hat.

"Nur wer alle Optionen kennt, kann die richtige Entscheidung treffen." Dieser in der Werbung oft strapazierte Satz wird von Schröder als Blödsinn. Zu viele Optionen wie Ernie und Bert oder Joko und Klaas, Gottschalk oder Conchita Wurst? Schröders Aneinanderreihung der Produktwahlmöglichkeiten, die schon beim täglichen Einkauf für eine Überlastung des limbischen Systems sorgen, katapultiert in die Reihen der Drogeriemärkte, wo über 100 verschiedene Haarpflegeprodukte angeboten werden. Ist Repair Extrem vielleicht für Ex-Dschihadisten, die aussteigen wollen”, fragt Schröder.

"Der Vergleich ist die Vorhölle der Entscheidung." Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Schröder ist überzeugter Offline-Käufer und fordert sein Publikum auf, durch die Geschäfte zu bummeln und analog einzukaufen.

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Und nach diesem Parforceritt durch Konsumterror und persönlichen Perfektionswahn, womit Schröder sowohl den Erfolg des Pushup BH’s als auch verschiedener Weltregime erklärt, ist das Publikum mitten drin in der Politik. Angela Merkels Satz "Es gab keine Alternative bei dieser Entscheidung" bezeichnet Schröder als Fall für das Sprachendlager – und nachdem die CDU bereits FDP und SPD in Grund und Boden koaliert hat, warum denn dann nicht auch die AfD?

Martin Schulz wird zum Retter, nachdem Merkel an allem Schuld ist. Immerhin spreche er fünf Sprachen, was sonst nur Günther Oettinger beherrsche. Donald Trump bezeichnet Schröder als Windows 95 Rechner mit der Software eines Commodore 64 und der Hardware eines Taschenrechners. "Er wird scheitern, die Frage ist nur, was er bis dahin anstellt?"

Schröder provoziert durch die Aussage, man solle den türkischen Wahlkampf nicht verbieten, denn schließlich sei Deutschland ein Land der Meinungsfreiheit – auch für Erdogan als den Türsteher Europas. Weiter führt er die Angst als größten Manipulator ins Feld: "Meld’ dich halt bei Facebook ab", ist sein durchaus ernstzunehmender Rat. "Keine Angst vor dem, was uns nicht umbringt." Denn 600 Radikalisierte schafften es nicht, 70 000 Menschen umzubringen, die jedes Jahr an Fischgräten sterben. Eine der Erkenntnisse dieses Abends.

Autor: Heidi Ast