Baal novo nimmt die Abschiebepraxis in den Fokus

Gertrude Siefke

Von Gertrude Siefke

Di, 02. Oktober 2012

Offenburg

Das in Offenburg ansässige interkulturelle Theater eröffnet mit "Getürkt" die Internationalen Wochen.

OFFENBURG. Mit dem Theaterstück "Getürkt" greift das Theater Baal Novo ein politisch brisantes Thema auf: Es geht um die Abschiebepraxis in Deutschland. Es geht darüber hinaus aber auch um Fragen der Identität und des Existenzgefühls. Uraufführung der Kooperation mit dem Theater Bonn ist Donnerstag, 5. Oktober, im Offenburger Salmen zum Auftakt der interkulturellen Wochen der Stadt.

Das Stück geht unter die Haut. "Ihr schmeißt mich aus meinem eigenen Land", sagt Musa (Sinan Hancili). Der 18-Jährige wird von der Ausländerbehörde aufgefordert, die Bundesrepublik zu verlassen. Bisher glaubte er, Libanese zu sein und mit seinen Eltern als kleines Kind aus den politischen Bürgerkriegswirren des Libanon nach Deutschland geflohen zu sein, wo die Familie politisches Asyl erhielt. Doch spätere Überprüfungen der Polizei ergaben, dass die Familie die Umstände der Flucht und ihr Ursprungsland vorgetäuscht, "getürkt" hat. Sie sind nicht aus dem Libanon geflohen, sondern kamen in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland aus einer entlegenen Gegend der Türkei.

Musa wird abgeschoben. Seine Identität wird in Frage gestellt: Sollte er weder Libanese sein, wie er immer dachte, noch Deutscher, wie er sich fühlte, sondern Türke, nur weil es das Völkerrecht so vorsieht? Seine Freundin Ceren (Elmira Rafizadeh), die ihm in den Transiträumen des Abschiebegefängnisses Türkisch beibringen will, muss er zurücklassen: Sie ist Türkin mit deutschem Pass.

Das überaus engagiert dargebotene Theaterstück (Hans H. Diehl und Fabienne Trüssel in den weiteren Rollen) wird von drei Filmszenen unterbrochen; jedes Bild erzählt eine Geschichte und ist in sich geschlossen: "Damit kommen wir den jugendlichen Sehgewohnheiten entgegen", erklärt Regisseurin Marita Ragonese. Gearbeitet wird mit wenigen Requisiten, ein schlichter Glaskasten mit einem Doppelstockbett dient als Transitraum, ein kleines Bücherregal beschreibt die Bibliothek, drei Passagiersitze eines Flugzeuges werden benötigt, um den Flug in die Türkei zu versinnbildlichen.

Wie Baal-Novo-Geschäftsführer Edzard Schoppmann ausführte, hat der Berliner Autor Jörg Menke-Peitzmeyer zusammen mit Baal novo im Jahr 2010 vom Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg ein Projektstipendium zur Stückentwicklung bekommen. Das Stück "Getürkt" steht jetzt mit neun anderen Werken auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendtheaterpreis und wurde von der Jury aus über 150 Vorschlägen ausgewählt. In die Filmszenen wurden in Offenburg mit Unterstützung der Hochschule (Eva-Maria Kühling), der Arbeiterwohlfahrt und der Pension Waldblick umgesetzt wurden. Dass "Getürkt" Teil des Landesjubiläums 60 Jahre Baden-Württemberg ist, will Schoppmann nicht unerwähnt wissen: "Das Land springt über seinen Schatten."

Nach Aufführungen in Offenburg wird das Stück im Januar 2013 in Bonn zu sehen sein. Mit "Getürkt" werde zwar der Rahmen der deutsch-französischen Theaterarbeit, gesprengt, mit der das Theater Baal novo sich profiliert hat,so Schoppmann: "In erster Linie geht es uns aber um transkulturelles Theater." Und da können neben deutsch-französischen Themen deutsch-türkische oder auch deutsch-russische ebenso gut eine Rolle spielen.