Offenburger Historismus

Barrierefreie Überwindung der Stadtmauer: Belagerungstechnik liefert das Vorbild

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Do, 17. Januar 2019 um 14:21 Uhr

Offenburg

Wie überwindet man eine mittelalterliche Stadtmauer? Ein Entwurf aus Barcelona für den barrierefreien Zugang zur Altstadt zeigt es.

Seit es Stadtmauern gibt, zerbrechen sich Menschen – meist in kriegerischer Absicht – den Kopf darüber, wie sie zu überwinden sind. Und so sieht auch die bevorzugte Lösung für die barrierefreie Überwindung der historischen Offenburger Stadtmauer und des Höhenunterschieds zwischen Zwingerpark und der Altstadt ein bisschen aus wie ein antiker Belagerungsturm.

Die Stahl-, Glas- und Backsteinkonstruktion des Büros Carles Enrich aus Barcelona sieht tatsächlich so einem mobilen Belagerungsturm ähnlich, der laut Plan direkt vor der Stadtmauer aus der Mitte des 13. Jahrhunderts steht. Nur dass im Inneren ein Aufzug mit moderner Technik nicht Söldner, sondern ganz zivil Fußgänger, Eltern mit Kinderwagen, Senioren mit Rollator nach oben und unten transportieren soll. Das im Entstehen begriffene neue Stadtviertel am Mühlbach mit bis zu 2000 neuen Innenstadtbewohner soll auf diese Weise künftig besser barrierefrei mit der Offenburger Altstadt verbunden werden.

Die Planer bei der Stadtverwaltung und am Mittwoch auch die Mehrheit des Planungsausschusses des Gemeinderats hat dieser Entwurf unter denen der fünf beauftragten Architekturbüros am meisten überzeugt. Unter anderem auch deshalb, weil dieser als einziger der fünf seine Anlage in der Fortsetzung der Wilhelm-Bauer-Straße und ihrer Brücke über den Mühlbach platziert hat. Die anderen vier Entwürfe – darunter auch jener des einzigen Offenburger Büros Lehmann Architekten – platzieren ihre Mauerüberwindungsanlage an der Mühlbachbrücke bei der Villa Bauer und damit abseits vom Haupttrampelpfad.

Obwohl Ausschussmitglieder zahlreiche Anregungen und Bedenken – auch wegen der Kosten des Bauwerks – vorbrachten – von einer Spanne von 250.000 bis 600.000 Euro war die Rede – , stimmten sie bei nur einer Gegenstimme des CDU-Fraktionsvorsitzenden Albert Glatt dafür, 130.000 Euro weitere Planungsmittel zur Vertiefung des Entwurfs aus Barcelona freizugeben.

Glatt freute sich zwar, dass der Favoritenentwurf die CDU-Anregung der südlicheren Platzierung im Zwingerpark aufgreift, hatte aber Bedenken, dass die Nutzer durch den Vinzentiusgarten oben auf der Mauer durchqueren müssen, um in die Innenstadt zu gelangen. Nachts müsse das ausgeschlossen sein, um Vandalismus in dem schmucken Gartenwohnzimmer der Stadt und Angsträume zu vermeiden. Aber was sei dann beim Weinfest? Soll dann auch schon um 20 Uhr der Zugang zum Aufzug versperrt sein? Baubürgermeister Oliver Martini kündigte bei solchen Stadtfesten eine Ausnahmeregelung an.

Außerdem kritisierte Glatt den Plan, die Mauer um das Anna-von-Heimburg-Haus, in dem das Seniorenbüro untergebracht ist, zu schleifen. So soll gegenüber dem Vinzentiusgarten eine Platzsituation mit Aufenthaltsqualität entstehen und so die Achse in die Innenstadt belebt werden. Der Charakter der hier vorbeiführenden Kittelgasse ginge so verloren, kritisierte Glatt.

Loretta Bös (SPD), Rudi Zipf von den Freien Wählern und Klaus Binkert (CDU) plädierten dagegen für die Annahme dieses Entwurfs Thomas Bauknecht von der FDP zeigte sich nicht vollends von der Notwendigkeit der barrierefreien Überwindung der Stadtmauer an dieser Stelle überzeugt, vor allem, weil er um das Kulturgut Vinzentiusgarten mit seinen schönen Sandsteinskulpturen sowie die Gesamtkosten fürchte.