17. November 2009

Beiruter Klarinettenmuckl

Verklärung der Innerlichkeit: Oud-Virtuose Anouar Brahem (Zweiter von links) und Band. | Foto: PEter Heck
OFFENBURG. Die voll besetzte Reithalle für 80 Minuten in ein anderes Raum-Zeit-Kontinuum zu versetzen – das bewirkte am Sonntagnachmittag das Quartett um den Tunesier Anouar Brahem im Rahmen der Festivals Jazzpassage. Brahems Musik ist eher leise. Die Themen klingen folkloristisch, entspinnen sich in einer vollendeten Harmonie und einer nach innen, in seelische Welten, verlagerten Bewegung. Sie ziehen den Zuhörer quasi durch ein musikalisches Wurmloch in bunt-melancholische Parallelwelten.

Der Virtuose auf der Oud, der arabischen Laute und "Al-oud" heißt "das Holz", ist seit 20 Jahren beim deutschen Label ECM daheim und vor allem in Frankreich bekannt. ECM-Chef Manfred Eicher brachte Brahem mit seinen Mitmusikern zusammen: Klaus Gesing, Bassklarinette, dem E-Bassisten Björn Meyer und dem Perkussionisten Khaled Yassine. Das Klangspektrum, das sich in durch diese Besetzung auftut, trägt sehr zur speziellen Wirkung der Musik bei.

Die ersten Töne kommen von Meyer. Der tupft seinen Fünfsaiter mit den Fingerkuppen an, Flageolett-Klänge, wie körperlos, eine hell perlende Figur, die sich immerzu wiederholt. Brahem lässt ein paar Töne dazwischen tropfen. Er spielt ganz nach innen gewandt, als würde die Musik jetzt eben aus dem Moment heraus sich selbst erfinden, und als wäre alles vage und höchst zerbrechlich. Mitunter singt oder summt er dazu wie unbewusst.

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So zupft und tupft er, der Bass ist längst verstummt, eine Tonfolge schält sich heraus, verschiebt ganz langsam, in nahezu kosmischen Zeiträumen. Dann entsteht ein anderer, ein neuer Ton: Ein vages Hintergrundrauschen, das sich zu einem Summen auswächst – bis der Klang der Bassklarinette an Fülle gewinnt und das körperlose Lautenspiel vorsichtig und weich umschließt. Dann plötzlich, in diesem Augenblick höchster Dichte, setzt der Bass wieder ein, und mit ihm Khaled Yassine auf der Darbouka, einer Tontrommel. Die beiden spielen eine groovende Figur, die immerzu rundläuft, wobei Yassine kleine Wirbelchen einflicht, filigran und fein.

Diese Grooves wirken bei jedem der Stücke als Treibstoff auf dem Flug in die Klang- und Stimmungswelt von Brahem und Klaus Gesing, der sein Instrument zwischen lyrisch-verträumt, tänzersich-flott und grell-überblasen handhabt. Die Welten, die da besucht werden, sind faszinierend: Da steigen andalusische Landschaften auf, wie eingefroren im Flimmern der Sonne. Das Wiegen der Kamele in einem arabischen Thema begegnet durch die Bassklarinette einem bayerischen Ländler, und es klingt wie ein Beiruter Klarinettenmuckl. Ein Thema, das aus Amerikas Countryrock stammen könnte, weitet sich zum herb-traurigen Orient-Blues aus. Und alles scheint außerhalb der Zeit, fern der gewohnten Welt.

Erst der sehr lange Schlussapplaus macht es deutlich: Dies ist die Reithalle, dort ist die Bühne, die Musiker. Die Reise ist für heute zu Ende.  

Autor: Robert Ullmann



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