Beistand von Profis für Opfer von Gewaltverbrechen

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Sa, 02. September 2017

Offenburg

Seit dem 1. Januar 2017 gibt es einen Rechtsanspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung / Zwei Begleiterinnen ausgebildet.

OFFENBURG. Der Gang vors Gericht ist für Opfer von Gewaltverbrechen ein schwerer Gang. Zwar betonen Experten, wie wichtig es für Menschen sein kann, denen Gewalt angetan wurde, zur Verarbeitung des Erlebten sich mit Tätern und Ereignissen vor den Schranken des Gerichts zu konfrontieren. Aber die Angst davor kann verständlicherweise auch übermächtig werden. Sogar eine Retraumatisierung ist möglich. An dieser Stelle greift die zertifizierte psychosoziale Prozessbegleitung. Sie ist ein neu geschaffenes Werkzeug, das Opfern von Gewaltverbrechen vor, während und nach dem Prozess beisteht. Die ersten beiden zertifizierten Prozessbegleiterinnen der Ortenau sind jetzt vorgestellt worden.

Wer bekommt

psychosoziale Prozessbegleitung?

Seit dem 1. Januar 2017 ist ein neues Gesetz im Rahmen der Strafprozessordnung in Kraft getreten, das Opfern von schweren Gewalttaten einen Rechtsanspruch auf diese neue Art der Prozessbegleitung verschafft: zum Beispiel Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen, die Opfer von sexueller und/oder häuslicher Gewalt geworden sind, oder Opfern von Nachstellungen (Stalking), von Hasskriminalität zum Beispiel durch politische Extremisten oder von Menschenhandel. Traumatisierten Menschen oder solchen, die Gefahr laufen, durch die Gerichtsverhandlung retraumatisiert zu werden, kann das Landgericht Offenburg auf Antrag hin eine/n psychosoziale/n Begleiter/in für die Zeit vor, während und nach dem Prozess zur Seite stellen. Beim Landgericht gibt es ein Budget dafür, das für eine Begleitung bis zu 1100 Euro aus der Staatskasse bereitstellen kann. Für die Betreuten ist die psychosoziale Prozessbegleitung kostenlos.

Wer sind die
Begleiterinnen und Begleiter ?
Dagmar Stumpe-Blasel vom "Aufschrei – Ortenauer Verein gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Erwachsenen" sowie Christiane Glombitza vom Diakonischen Werk im evangelischen Kirchenbezirk Ortenau haben die Fortbildung im Dezember 2016 erfolgreich abgeschlossen. Zum 1. Januar ist dann das neue Gesetz in Kraft getreten, das schwer belasteten Opfern von Gewaltverbrechen einen Rechtsanspruch auf zertifizierte Prozessbegleitung verschafft. In Offenburg haben sich Diakonie und Aufschrei als Träger für diese Aufgabe zusammengetan, weil diese zum bisherigen Angebotsportfolio der beiden Institutionen gut passt, wie Diakonie-Geschäftsführerin Juliane Weerenbeck erklärte. Mittlerweile hätten laut Weerenbeck aber auch Mitarbeiter der Sozialen Rechtspflege Offenburg die Fortbildung begonnen. Qualifizierende Voraussetzung für diese Fortbildung und spätere Zertifizierung sei ein Studium der Sozialpädagogik, Pädagogik oder der Psychologie sowie mehrjährige Erfahrung in der Beratungspraxis. Vorerst sind für die Ortenau vier Begleiterinnen ind Begleiter vorgesehen.

Was sind ihre Aufgaben?
"Wir machen keine Rechtsberatung und keine Therapie", grenzen Dagmar Stumpe-Blasel und Christine Glombitza ihr Arbeitsfeld ab. Das bedeutet, dass sie mit den Zeugen, die sie begleiten, nicht über den Tatinhalt reden dürfen. Unter anderem auch weil die Begleiterinnen kein Zeugnisverweigerungsrecht haben und damit auch von Ermittlern und vor Gericht verhört werden könnten. "Für diese weiterführenden Aufgaben sind wir gut vernetzt und können an die entsprechenden Stellen weitervermitteln", sagt Dagmar Stumpe-Blasel, die für den Verein Aufschrei seit acht Jahren in der Beratung tätig ist. "Wir können mit der Zeugin oder dem Zeugen vorab den Gerichtssaal besichtigen, die Abläufe der Strafprozessordnung sowie die juristische Argumentation erklären", ergänzt Christiane Glombitza. Für die verständlicherweise schwierige Konfrontation mit dem mutmaßlichen Täter und für das Sprechen über die Tat vor Gericht könnten sie dem Opfer Imaginationsübungen beibringen, also die Vorstellungskraft trainieren, um aufkommende Panik während der Verhandlung abmildern zu helfen. Die Prozessbegleiterin sitzt in der Verhandlung neben der Zeugin oder dem Zeugen und achtet auf deren/dessen Verfassung, kann eine Pause beantragen oder bei Bedarf auch den Blickkontakt zum Angeklagten unterbrechen. Die Begleiterinnen sind laut Gesetz auch bei nichtöffentlichen Verhandlungen dabei. Insgesamt soll das Angebot zur Stabilisierung beitragen, so dass die Opferanwältin, der Opferanwalt sich noch besser auf den Prozessverlauf konzentrieren können.

Tritt das neue Angebot

in Konkurrenz zu bestehenden?

Auch der Weiße Ring e. V. bietet Prozessbegleitung, allerdings auf ehrenamtlicher Basis. "Das neue Angebot nimmt uns nichts weg, es gibt auf diesem Feld so viel zu tun", sagt indessen Jürgen Henninger, Außenstellenleiter des Weißen Rings Ortenau. Eine Konkurrenz befürchte er daher nicht.

Kontakt: Dagmar Stumpe-Blasel, Tel. 0781-31000 oder dagmar.stumpe@aufschrei-ortenau.de, Christiane Glombitza, Tel. 07851-7086620 oder 0160-92798046, christiane.glombitza@diakonie.ekiba.de