Bilder aus Dinslaken, Klänge aus Danzig

Robert Ullmann

Von Robert Ullmann

Do, 14. Januar 2016

Offenburg

Klangkünstler Michael Rüsenberg präsentiert seine gemeinsam mit dem Fotografen Peter Hölscher erstellten Klang-Bild-Reportagen.

OFFENBURG. Unscharfe Bilder in langsamem Fluss ineinander fließend, zu einer Klangkulisse aus Rauschen, Dröhnen und rhythmischen Einsprengseln – es war ein ungewöhnliches Sound-an-Vision-Erlebnis, das dem Publikum am Dienstagabend in den VIA-Räumlichkeiten in der Franz-Volk-Straße 8a, ganz in der Nähe des Offenburger Bahnhofs, geboten wurde.

VIA steht für "Visionen Ideen Akademie", das Wort hat in der italienischen Sprache zugleich die Bedeutung "Weg" oder "komm, los". Betrieben wird VIA von drei Studentinnen der Hochschule Offenburg. Dank dieser Verbindung und der Zusammenarbeit mit Professor Hans-Ulrich Werner, an der Hochschule für kreatives Klangdesign und Audioproduktion zuständig, stellte der Musikjournalist und Klangkünstler Michael Rüsenberg in den VIA-Räumen Klang-Bild- respektive Bild-Klang-Werke vor, die in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Peter Hölscher aus Leverkusen entstanden sind. Das Wort "Film" ist dafür eher unpassend. Hölscher nennt seine Fotografie-Kompositionen "liquid images" (flüssige Bilder), Rüsenberg bezeichnet sein Klangkino als "Soundscape" (Klangschaft). Der "Hauptfilm" des Abends mit dem Titel "The Cragged Version 3.5" war ein halbstündiges Werk, fotografiert im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal, einem verwilderten Park, den der berühmte Bildhauer Tony Cragg mit rund zwei Dutzend seiner Bronze-, Stahl- und Metallskulpturen bestückte. Auch im Film "Pina" von Wim Wenders spielt dieser Park und seine Skulpturen eine Rolle.

Hölscher fotografiert mit langer Verschlusszeit und bewegt dabei die Kamera, er "verreißt" die Bilder. Es entsteht eine Mischung aus Gegenständlichkeit und Ungegenständlichkeit, die durch die Vorstellungskraft der Betrachter ergänzt wird. Bei den Bilden aus dem Park sind die weichen, fließenden Formen der Cragg-Skulpturen immer wahrnehmbar in dem Geflecht aus verwischten Linien, dem Braun und Grün des Parks und den Streifen der Lichtreflexe. Die horizontalen, vertikalen oder schräg verlaufenden Linien, die runden, gedrehten Schemen der Skulpturen, Farbflächen, Farbverläufe, Einsprengsel durch Reflexionen, dazu der langsame Rhythmus, in dem die Bilder wechseln – das erschafft eine ganz eigene Welt.

Zu dieser Blickwelt entwirft Rüsenberg eine Hörwelt. Aufgenommen hat er seine Klänge im Park selbst sowie in der Werkstatt von Cragg, wo Mitarbeiter die Gießformen für die Skulpturen herstellen, und als Drittes in der Gießerei, wo die Skulpturen gegossen werden. Die Klänge wurden bearbeitet, die Tonspur teils verlangsamt, bestimmte Geräusche rhythmisiert. Eine Verwandtschaft zu Rock- und Avantgarde-Stilen findet sich am ehesten bei der elektronischen Musik, mehr noch beim Industrial, wo Instrumente und Alltagsgegenstände zur Klangerzeugung genutzt werden, und der"Drone"-Ästethik: Das zum Kunstgeräusch erhobene verfremdete Grundrauschen des Alltags.

Synästhetik von Liquid Images und Soundscapes

So hat Rüsenberg die Bilder von Hölscher einer stillgelegten Zeche in Dinslaken-Lohberg mit Klängen unterlegt, die er m Hafen von Gdansk/Danzig in Polen aufgenommen hat – Geräusche jener Werft, in der die Solidarnosc-Bewegung entstand. Nah herangekommen sei er nicht, erzählt Rüsenberg: "Aber die Geräusche wehten herüber, ein immerwährendes Dröhnen und Summen, mit Metallgeräuschen, Hämmern, Rasseln, Sirren dazwischen." Die Zechen-Bilder faszinieren noch mehr als die aus dem Park. Da zeichnen sich vage Umrisse von Kränen, Bohrtürmen und Hallendächern in fahlem Sandgelb in das Grauweiß des Himmels, fließen in verschwommene Details, ein Flansch oder ein Zahnrad, im Hintergrund Paneelen oder eine Fußbodenstruktur, immer eingebettet in verwischte Linien, Farbflächen, Reflexionen. Der "Drone" von Rüsenberg mit seinem wellenförmigen Auf und Ab, erschafft eine Ahnung von der Atmosphäre jener Zeit, als die Zeche noch in Betrieb war. Am Ende blendet alles ins konturlose Weiß auf und ins Fading des Grundrauschens.

Der erste Film des Abends, "Reuschenberger", zeigt eine Elektromühle bei Leverkusen an einer Bahnlinie. Hölscher und Rüsenberg begingen den Ort gemeinsam, hier die Kamera, dort das Mikro, für die ungewöhnliche Klang-Bild-Reportage. Mit solchen Veranstaltungen schließt VIA eine Lücke und öffnet Räume für Kulturneugierige.

Am Freitag, 15. Januar, 19 Uhr, geht es bei VIA, Franz-Volk-Straße 88 a, weiter mit Poetry Slam. Einen Vorgeschmack gibt es unter peter-hoelscher.de.