BZ-Interview mit Lesli Mandoki zu seinem Jazz-Projekt

"Das ist ein Liebesbrief und keine SMS"

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Di, 01. September 2009 um 17:43 Uhr

Offenburg

Viele wissen gar nicht, dass Lesli Mandoki, der frühere Frontmann der Schlagertruppe Dschinghis Khan, ein guter Jazzschlagzeuger ist. Mit Stars wie Michael Brecker, Ian Andersen von Jethro Tull oder Peter Maffay hat er ein eigenwilliges Album eingespielt.

OFFENBURG. "Mich interessiert nur die Kunst", sagt Leslie Mandoki (56). Deshalb mag er auch Fragen zu seiner Vergangenheit als Frontmann der Gruppe Dschinghis Khan nicht. Das und warum er Angela Merkel im Bundestagswahlkampf unterstützt erfuhr BZ-Redakteur Ralf Burgmaier im Interview mit Mandoki, der gestern zur Vorstellung seines neuen Albums "Aquarelle" von München zur Burda-Starvisit nach Offenburg gereist war.

BZ: Herr Mandoki, gestatten Sie einen Scherz zu Beginn: Ergänzen Sie bitte folgenden Satz: Ho, ho, ho, ho, ho . . .

Leslie Mandoki: Ist das immer noch ein Thema?

BZ: "Dschinghis Khan" und "Moskau" laufen auf jeder Schlagerfete. Was macht die anhaltende Hitqualität der Songs aus?

Mandoki: Das Lebensgefühl Ende der 70er Jahre. In ihnen steckt die Aura dieser Ära. Um das zu verstehen, braucht man keine Raketenwissenschaft.

BZ: Sie scheinen nicht gerne auf dieses Thema angesprochen zu werden.

Mandoki: Das ist wenig ergiebig. Mein Weg als Musiker hat wenig damit zu tun. Als Künstler guckt man nach vorne.

BZ: Sie sind von Haus aus Schlagzeuger?

Mandoki: Ich spiele jeden Tag, so auch auf dem neuen Album.

BZ: Sie stammen aus Ungarn und haben das Land 1975 verlassen. Im kommunistischen Ungarn haben Sie Jazz gespielt. Ein Akt der Rebellion?

Mandoki: Stalin und Hitler haben Jazz verboten. Von Goebbels bis Honecker gibt es eine Reihe von Zitaten, die Jazz verurteilen. Für uns Musiker aber ist Jazz die Mutter aller Musik. Jazz und Jazzrock waren Bewegungen, die unheimlich viel Unruhe während der Diktatur ausgelöst haben. Das hat viel bewegt.

BZ: Wie sind heute Ihre Kontakte in die alte Heimat?

Mandoki: So möchte ich Ungarn nicht nennen. Ich habe gerade im ungarischen Györ in einem Konzert vor 40 000 Zuschauern mein Album "Aquarelle" vorgestellt. Das war schön, aber das war rein- und wieder rausgeflogen. Meine Heimat heute ist Deutschland. Weil ich nach der Odyssee meiner Flucht ohne ein Wort Deutsch zu sprechen in einem Flüchtlingslager aufgenommen wurde und dann dieses Land lieb gewonnen habe.

BZ: Den Brückenschlag von Jazz zu Pop schaffen nicht viele. Wie kriegt man das in dem vom Spartendenken beherrschten Showgeschäft hin?

Mandoki: Kommerzieller Erfolg hat mich nie interessiert. Geld auch nicht.

BZ: Sie haben für "Aquarelle" mit der Crème der internationalen Jazz-Rock-Szene zusammengearbeitet: Ian Andersen von Jethro Tull, Jack Bruce früher bei Cream, Steve Lukather von Toto, Al Di Meola, Till Brönner, Randy Brecker und sein inzwischen verstorbener Bruder Michael oder mit David Clayton Thomas, dem Sänger der Gruppe Blood Sweat and Tears. Was fasziniert Sie an diesen Könnern abseits des Mainstreams?

Mandoki: Ich weiß natürlich, dass es nicht trendy, cool und formatgerecht ist heute ein Album wie Aquarelle zu machen. Die Welt hat sich verändert, aber wir haben nicht mitgemacht. Dieses Album ist ein handgeschriebener Liebesbrief und keine SMS. Wir haben es übrigens auch nicht digital, sondern analog aufgenommen. Alles Stücke sind live im Studio eingespielt. Es ist ein erhabenes Gefühl, diese großartigen Könner zu erleben.

BZ: Und wieso ist Peter Maffay dabei?

Mandoki: Weil er der beste Sänger unseres Landes ist, übrigens auch ein Ausnahmegitarrist, was nicht viele wissen, und auch weil er mein Nachbar ist, wenn er nicht gerade auf Mallorca wohnt.

BZ: Sie haben für Angela Merkels Wahlkampf den Song "Wir sind wir" geschrieben. Wie kam’s dazu?

Mandoki: CDU-Generalsekretär Roland Profalla hat mich angerufen und darum gebeten. Das hat etwas mit Patriotismus zu tun. Mit Dankbarkeit und mit dem Glauben an Tugenden, die man gerne als deutsche Tugenden bezeichnet. Ich habe Deutschland viel zu verdanken. Mit meinem Engagement versuche ich auch, billigen Populismus von der Macht fernzuhalten. Nach dem Desaster der Weltwirtschaftskrise wollte ich mit dem Song das Wir-Gefühl im Land stärken.

BZ: Die CDU ist Ihre politische Heimat?

Mandoki: Urteilen Sie selbst: Ich bin für radikalen Umweltschutz, für eine intensive Bildungspolitik, für Chancengleichheit, für mehr Opferschutz als Täterschutz, ich bin dafür, dass ein unschuldig Gestolperter wieder auf die Beine kommt und nicht der Unwillige. Ich als Einwanderer bin dafür, dass ein hier geborenes Kind selbstverständlich Deutsch lernt und die Werte unserer Gesellschaft akzeptiert. Frauen sind bei uns gleichberechtigt, Punkt. In diesem Fall finde ich Toleranz für andere Standpunkte unangebracht. Und ich werde keinen Politiker unterstützen, der nicht uneingeschränkt für die Freiheit ist oder in seinem Leben jemals Zensur oder Folter als legitime Mittel verteidigt hat.