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02. Dezember 2011

Das Mantra zu Afghanistan ist schlicht unwahr

CONTEXT: Reinhard Erös zieht eine deprimierende Bilanz.

OFFENBURG. Über diesem Abend hätte auch der bitterböse Satz des deutschen Dramatikers Heiner Müller als Motto stehen können: "Optimismus ist nur ein Mangel an Informationen." Denn was Reinhard Erös, ehemaliger Oberstarzt der Bundeswehr und Gründer der "Kinderhilfe Afghanistan", den 45 Zuhörern im Saal der Waldorfschule aus Afghanistan berichtete, verdarb jedem die Laune, der einen vergleichsweise kuscheligen Abend wie bei der Lesung von Jürgen Todenhöfer Anfang Oktober erwartet haben mochte. Alle anderen erlebten aus erster Hand eine bedrückende Dichte an Informationen und Emotionen aus einem Land ohne Rohstoffe und große geostrategische Bedeutung, das dennoch seit Jahrhunderten ein Spielball der Großmächte ist.

Der Satz von Heiner Müller ist zynisch. Reinhard Erös ist zwar ein erbitterter Kritiker deutscher und internationaler Afghanistanpolitik, aber kein Zyniker. Er tut viel für die Menschen in Afghanistan. Im gefährlichen Osten des Landes baut und betreibt er ausschließlich mit privaten Spenden Waisenhäuser, Gesundheitsstationen, Schulen und sogar eine Universität für Mädchen und Frauen – und das in einem Gebiet, das von den Taliban kontrolliert wird, wie er den stauenden Zuhörern erklärte. Es gebe sogar Stammesälteste, die ihn um die Gründung einer Mädchenschule bitten, wie er mit einem Filmbeitrag des Weltspiegels belegte. Das Bild von den bösen Taliban und den ausländischen Interventionstruppen, die Zivilisation, Demokratie und Frieden nach Afghanistan bringen sei schlicht falsch. Und der Krieg gegen den Terror? Unter den heute international zur Fahndung ausgeschriebenen islamistischen Terroristen sei kein einziger Afghane, so Erös.

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Mit eindrucksvollen Zahlen widerlegte Erös das von Politikern und Medien verbreitete Mantra: In Afghanistan ist die Lage schwierig, aber prinzipiell sei man auf einem guten Weg. Seit zehn Jahren seien jährlich sowohl die Opiumproduktion zur Finanzierung der Warlords als auch die Opferzahlen ausländischer und afghanischer Soldaten sowie der Zivilbevölkerung gestiegen. Dass bislang nicht mehr als 34 Bundeswehrsoldaten in Kampfhandlungen getötet worden seien, habe damit zutun, dass die Deutschen im relativ ruhigen Norden agieren. Im Süden werde um den Faktor 25 häufiger gestorben. "Im Bündnis gelten wir als die feigste Armee der Welt", sagt der Offizier a. D..

400 schwerst verletzte deutsche Soldaten, die in Sprengfallen geraten sind, gebe es: Das bedeute, offene Frakturen und schwere Verbrennungen am ganzen Körper, Trommelfelle und Lunge seien gerissen. Während im Ersten Weltkrieg nur 5 Prozent derart verletzter Soldaten überlebt hätten, seien es heute dank moderner Medizin 97 Prozent – doch um welchen Preis! Von den psychischen und sozialen Folgen solcher Verletzungen ganz zu schweigen. "In den Talkshows sieht man keinen einzigen dieser Soldaten."

Mit einer Fülle erschütternder Fakten untermauerte Erös seine Analyse einer gescheiterten Afghanistan-Mission. Fazit: Wären die 700 Milliarden Dollar, welche seit 2002 geflossen sind, in die Infrastruktur des Landes und nicht nicht in den Krieg gesteckt worden, hätte die Welt heute wohl einen Krisenherd weniger.

Autor: Ralf Burgmaier