Das Saxophon steigt Feuertreppen hinauf

Heidi Ast

Von Heidi Ast

Fr, 08. Dezember 2017

Offenburg

Starke Vorstellung: Mit einem Konzert in der Reihe Jazzforum wird Saxophon-Lehrer Ingmar Kerschberger im KiK präsentiert.

OFFENBURG. Eher selten wird ein Lehrer wohl so eingeführt wie an diesem Mittwoch im Offenburger KiK. Für Dieter Grohmann, Trompeter, Flügelhornist und Organisator der Konzertreihe Jazzforum wir das "Saxophonphantom" Ingmar Kerschberger nach 20 Jahren real. So lange haber er, Grohmann, Kerschbergers Musik vom Hörensagen gekannt, den Mann dahinter aber nicht. Jetzt ist Kerschberger nicht nur Grohmanns neuer Kollege an der Offenburger Musikschule, sondern auch sein Sideman bei diesem Konzert. Mit dabei der weitgereiste Axel Moser an einer handgefertigten Nelson Pale Gitarre, Daniel Schay an den Drums und Peter Streicher am Baß.

Was die fünf Musiker hier entzünden ist ein Feuerwerk, welches von wohltemperiert über heiße brasilianische Lebensfreude bis hin zum entfesselten Jazz von John Coltrane reicht, dessen Todestag am Donnerstag 50 Jahre zurücklag.

Mit dem "Work Song" von Nat Adderley steigt man rasant ein. Die beiden Bläserkollegen grooven flockig im Sound der 1960er Jahre, fein akzentuiert wird hier die Arbeit von hinten aufgerollt. Der Gitarrensound, den Moser zaubert vollumfängliche Erinnerungen an den George Benson dieser Zeit herbei. Mit diesem Stück führen sich alle Musiker ein.

Bei dem folgenden Bossa Nova skizziert Moser auf der Gitarre eine karibische Sommerbrise und Streicher gibt am Bass den Herzschlag hinzu. Saxophon und Flügelhorn übernehmen abwechselnd um dann, knapp versetzt im Takt wieder zusammen zu finden. Schay flicht trockene kurze Beckenschläge ein. Jetzt ist man warm gespielt und bereit für "Cousin Mary", einen musikalisch härteren Brocken des Jahrhundertsaxophonisten John Coltrane. Filigran und gleichzeitig wild die Komposition: Diese Cousine Mary hat Drive und einen kapriziösen Charakter. Grohmann und Kerschberger schrauben sich abwechselnd mit unterschiedlichen Klangfarben in einen Strudel, die Gitarre ist fast nur noch in hohen Frequenzen hörbar. Streichers Bewegungen wirken entspannt, aber er hält mühelos das Tempo, das Schay mit Tom, Snare sowie jitterburg-artigen Versatzstücken vorantreibt. Einsatz der Bläser: "Cousin Mary" steigert sich zu einem hysterischen Höhepunkt, bei dem alle beteiligten Instrumente schlussendlich einen perfekt abgezirkelten Veitstanz aufführen.

Die nächste Dame "Emily", aus der Feder von Johnny Mandel, gibt allen eine kleine Verschnaufpause. Jazz im Dreivierteltakt – bei dem nicht der Wiener Opernball die Kulisse gibt. Aus einem der Nachtclubs steigt das Saxophon auf, um sich in Höfe und die Feuertreppen hinauf zu schleichen. Das weiche Flügelhorn Grohmanns trollt sich vorbei an Eckenstehern und küssenden Liebespaaren. Kerschbergers Saxophon spricht es freundlich an. Dann kurze Verwirrung, die Setlist wird umgeschmissen und statt "Just Friends" gehen die Herren mit dem "One Note Samba" in die Pause. Moser lässt ein honigfarbenes Intro aus seiner Gitarre fließen, zu dem Schay eine große Schippe brasilianische Lebensenergie hinzu gibt. Kerschberger ist ständig in Bewegung und seine kurz gepressten Töne geben die Imitation eines Samba-Rhythmusinstruments.

Das KiK ist gut besucht für einen Nikolaus-Mittwochabend, und das Publikum war anscheinend brav, denn es wird reichlich belohnt an diesem Abend. Susanne Stiefvater, selbst Kontrabassistin aus Freiburg, hat die 60 Kilometer Anfahrt nicht bereut. Ihre sieben Begleitmusiker von den Jazzliners, mit denen sie selbst normalerweise auftritt, hat sie allerdings daheim gelassen. Das hätte sonst vielleicht noch in eine BigBand-Session ausarten können.

Ingmar Kerschbergers acht bis 16 Jahre alte Schüler der Offenburger Musikschule können sich in Zukunft schon mal so richtig freuen.