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19. November 2017 17:12 Uhr

Eurodistrikt Straßburg/Ortenau

Dicke Luft macht nicht an der Grenze halt

Dicke Luft kennt keine Grenzen – und ist auch im Eurodistrikt Straßburg/Ortenau Thema: Das "Forum Luftreinhaltung" strebt künftig bessere gemeinsame Lösungen im deutsch-französischen Ballungsgebiet an.

Luft – ganz egal ob belastet oder sauber – macht nicht an der Grenze Halt. Wie aber sorgt man in einem grenzüberschreitenden Ballungsraum wie dem Eurodistrikt Straßburg-Ortenau für bessere Luft, wenn an der Landesgrenze unterschiedliche Bestimmungen und Genehmigungsverfahren aufeinandertreffen?

Ein und dieselbe Industrieanlage könnte infolge der unterschiedlichen Gesetzeslage in Frankreich gebaut werden, nicht jedoch in Deutschland, was daran liegt, dass links des Rheins die Emissionen, also die Schadstoffabgabe in die Atmosphäre nicht berücksichtigt werden. "Wenn der Wind von Südwesten kommt, atmet der Spaziergänger in Kehl unter Umständen schlechtere Luft ein als dies die deutsche Gesetzgebung erlauben würde", gab der Landrat des Ortenaukreises, Frank Scherer, derzeit auch Präsident des Eurodistrikts, zum Auftakt des Forums Luftreinhaltung in Straßburg zu bedenken.

Ozon- und Feinstaubwerte liegen im Eurodistrikt trotz Verbesserungen in den zurückliegenden Jahren nach wie vor oberhalb der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Grenzwerte. Es sei nicht so, dass sich nichts bewege. Die Tram zwischen Straßburg und Kehl nimmt Verkehr, neben Landwirtschaft und Industrie einer der Hauptverursacher der Luftverschmutzung, von der Straße und entlaste unsere Atemluft. Dennoch solle der Grenzverkehr weiter ansteigen, von plus 15 Prozent sprach bei der Auftaktdiskussion der Kehler Oberbürgermeister Toni Vetrano, schlicht, weil die Bewegungen im Ballungsraum Straßburg-Ortenau zunehmen.

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Hinzu kommt der Autobahnverkehr – auf Straßburger Seite täglich bis zu 165 000 Fahrzeuge, auf der A 5 sind im Bereich der Ortenau immerhin 70 000 pro Tag unterwegs. Straßburg hat inzwischen wie andere französische Großstädte mit einer Umweltplakette der schlechten Luft den Kampf angesagt und verbannt Fahrzeuge mit hohem Schadstoffausstoß in Phasen mit alarmierenden Feinstaubkonzentrationen von den Straßen.

Straßburger Plakette auch für den Eurodistrikt?

Dass es für saubere Luft auf ein langfristiges Denken und Handeln ankommt, ließ der Straßburger Oberbürgermeister Roland Ries mit dem Beispiel einer fehlgeleiteten Wohnungsbaupolitik anklingen. Zu lange seien Menschen aus Straßburg ins Umland gezogen, arbeiteten jedoch weiter in der Stadt. "Dadurch sind nicht nur Grün- und Agrarflächen verschwunden, sondern auch Verkehrsströme zwischen Stadt und Land geschaffen worden", so Ries, "die zwangsläufig die Luftbelastung in die Höhe getrieben hätten." Gesucht werden für die Zukunft vor allem gemeinsame Lösungen.

Derzeit müssen deutsche Autofahrer nun zwei verschiedene Umweltplaketten, eine deutsche und eine französische, an der Windschutzscheibe präsentieren. Einen ersten Schritt in Richtung gemeinsame Luftreinhaltung hat bereits ein Interreg-Projekt am Oberrhein geleistet, Atmo-Idee. Mit dem entwickelten Modell lässt sich in einem Datensimulator die Belastung durch eine geplante Industrieanlage im Voraus berechnen. Ideen für weitere Schritte erarbeiteten in Workshops zu den Themen Mobilität, Landwirtschaft und Innenluft die 160 Teilnehmer des Forums.

Die Vorschläge reichten von einer Ausweitung der Straßburger Autoplakette auf den gesamten Eurodistrikt über eine entsprechende Verhaltensänderung im Alltag, die bei der Mobilität und dem Kaufverhalten des einzelnen ansetzen soll, bis zu einer Intensivierung des grenzüberschreitenden Nahverkehrs.

Aber: Wieviel kann der Eurodistrikt – für sich genommen ohne politische Kompetenzen – eigentlich bewegen? "Dort, wo wir Einfluss nehmen können", forderte Frank Scherer, "müssen wir eingreifen und darüber hinaus den Gesetzgeber auf die Probleme hinweisen."

Autor: Bärbel Nückles