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24. Februar 2010

"Die einzige demokratische Institution in der DDR"

BZ-INTERVIEW mit Reinhard Höppner, dem früheren Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, zu seiner Lesung morgen in Offenburg.

  1. Reinhard Höppner Foto: dpa

OFFENBURG. Er ist Mathematiker, Politiker, Autor und engagierter Christ: Donnerstag, 25. Februar, kommt Reinhard Höppner in die Ortenau. Der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt wird auf Einladung des Evangelischen Dekanats und der Evangelischen Erwachsenenbildung aus seiner persönlichen Sicht Episoden und Hintergründe schildern, die vor 20 Jahren zum Fall der Grenzen zwischen Ost- und Westdeutschland führten und die er in seinem Buch "Wunder muss man ausprobieren" niedergeschrieben hat. Unser Mitarbeiter Robert Ullmann sprach mit ihm.

BZ: Herr Höppner, den Titel Ihres Buches ziert ein fliegender "Trabi". Warum?
Reinhard Höppner: Der Trabi ist ein Symbol für die DDR. Dass er fliegt, ist ein Wunder – und die muss man eben ausprobieren.
BZ: Sie sagen, Sie seien zu diesem Buch durch die Jugend provoziert worden.
Höppner: Die Generation bis 30 hat an die DDR und die Wende keine eigenen Erinnerungen. Es ging mir darum, jungen Menschen verständlich zu machen, was 1989 und in der Zeit davor passiert ist. Und ich will es auch manche Erwachsene besser verstehen lassen.

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BZ: Sie sprechen in Ihrem Buch sehr viel über die Rolle der Kirche in dieser Zeit. Wie hoch ist die einzuschätzen?
Höppner: Sie war ein wesentlicher Faktor im Gang der Dinge. Die Opposition gegen das Regime versammelte sich unter dem Dach der Kirche. Das ist durchaus im Wortsinn zu verstehen. Es führte ein direkter Weg von den Friedensgebeten zu den Montagsdemonstrationen. Die einzige demokratische Institution in der DDR war die Kirche, mit ihrem demokratischen Aufbau von der Gemeinde bis zur Bezirks- und Landessynode. Dieses demokratische Element hat uns sehr geholfen nach der Wende. Die Kirche in der DDR lag quer zur politisch verordneten Denkweise. Hier gab es offenen Gedankenaustausch.
BZ: Ging das denn? Das Regime hatte doch überall Spitzel.
Höppner: Im Kirchenraum war man offen. Man wollte sich nicht einschüchtern lassen dadurch, dass Menschen das, was hier gesagt wurde, der Obrigkeit meldeten. Natürlich ist das passiert, und man wusste es. Aber man hatte gelernt, damit umzugehen. Die Friedensgebete wurden in den 1980er Jahren nicht erfunden, um eine Revolution zu machen. Aber sie wurden zum Sammelbecken unter dem Schutz der Kirche. Im Herbst 1989 hat sich die Zahl der Teilnehmer dann von Woche zu Woche verdoppelt. Die Termine waren ja bekannt. Irgendwann haben die Leute nicht mehr in die Kirche gepasst. Sollte man sie mit Gewalt auseinandertreiben? Das war ja auch das Glückliche am 9. Oktober 1989 in Leipzig: dass es keine Gewalt gab.

"Die Friedensgebete wurden zum Sammelbecken unter

dem Schutz der Kirche."


BZ: Sie bezeichnen die DDR-Führung in dieser Phase als "die ohnmächtigen Resignierten in den Schaltstellen". War die DDR-Obrigkeit wirklich so ohnmächtig?
Höppner: In Leipzig waren auf der einen Seite 7000 Einsatzkräfte. Die waren den 70 000 Demonstranten nicht gewachsen. Sie hätten allenfalls wahllos in die Menge schießen können. Die Funktionäre selbst glaubten nicht mehr an die Überlebenschance ihres Regimes. Sie wussten, dass keine sowjetischen Panzer mehr marschieren würden. Sie wussten, dass ihr Staat bankrott war.
BZ: Wie ist der Rolle der Kirchen in den neuen Bundesländern heute?
Höppner: Die Gruppierungen der Friedensgebete gingen nach der Wende schnell auseinander. Sie trafen sich in politischen Parteien und Gruppen und wirkten dort. Die Kirche hat heute keine größere Rolle in der Gesellschaft als im übrigen Deutschland.
BZ: Woran liegt es Ihrer Einschätzung nach, dass sich in der DDR Hochburgen der Radikalen entwickelten, gerade auch der Rechten?
Höppner: Für viele brachte die Wende in ihrer persönlichen Biografie negative Einschnitte, zum Beispiel den Verlust des Arbeitsplatzes. Ostwaren ließen sich kaum noch verkaufen. Man freute sich über die neu gewonnene Freiheit. Vor allem das Reisen war wichtig. Nicht Reisen zu können war einer der Alpträume der DDR-Bürger. Aber bald zeigten sich auch die negativen Auswirkungen. Die Losung von den blühenden Landschaften und dass alles schnell viel besser werden würde, war eine Täuschung, die zur Enttäuschung wurde. Es gibt auch im Westen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit. Aber in der Regel ist in erreichbarer Nähe eine Stadt, wo das Leben funktioniert. In der DDR gibt es Landstriche, da ist das nicht so. Das ist für Westdeutsche nur schwer nachzuvollziehen.

Reinhardt Höppner liest aus seinem Buch "Wunder muss man ausprobieren" und spricht über die Rolle der Kirchen bei der deutschen Wiedervereinigung morgen, Donnerstag, 25. Februar, 20 Uhr, Evangelische Stadtkirche Offenburg:

Autor: rob