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10. Februar 2012
Die Zweifel malt er gleich mit
Museum für aktuelle Kunst in Durbach zeigt von heute an Dieter Kriegs sinnliche Konzeptmalerei.
DURBACH. Immer wird ein Bildbetrachter den wiedergegebenen Gegenstand auf die Qualitäten seiner Abbildhaftigkeit untersuchen, auch wenn die zeitgenössische Kunst damit schon lange nichts mehr im Sinn hat. Bei Dieter Krieg führt dieser Wunsch nach Wiedererkennen in eine besondere Falle, weil die Motivwahl seiner Bilder – eine Kaufhaushose, eine Sauciere, ein Eimer, eine Taschenlampe, eine Kanüle, ein Krautkopf, ein Spiegelei oder eine Bratwurst angetan erscheint, genau dieses Missverständnis zu nähren. Während fast alle seiner Generation um 1955 abstrakt und informell malten, studierte Dieter Krieg bei Grieshaber und schloss sich früh der "Neuen Figuration" an. Das Expressive und das Exemplarische lagen nahe und dem gemeinen Alltagsgegenstand war durch die Pop-Art Beachtung geschenkt worden.
Für Dieter Krieg aber sind die Motive einfacher Gegenstände Anlass, sich mit der zum wiederholten Male totgesagten Malerei auseinanderzusetzen, mit ihren Mitteln, ihrem Wirklichkeitsgehalt und ihrer Wirkkraft. Es geht in seinen Bildern um Selbstvergewisserung im Malprozess, um gesteigerte Präsenz – auch gegenüber der allgegenwärtigen raumgreifenden Bildwelt der Werbung – um Auflehnung gegen die untergründige Gewissheit des Scheiterns. Seine gewaltig suggestive Malerei widmet sich einer vielschichtigen Hinterfragung der Möglichkeit, Wirklichkeit mit den Mitteln der Malerei wiederzugeben und quasi die Zweifel daran gleich mitzumalen. Er wählt dafür Riesenformate, auf denen er mit entschiedener und wuchtiger Geste eine banale, aber machtvolle Grundform ins Bild setzt, die mit deren einzelnen, fragil strukturierten, als verletzt markierten Partien, kontrastiert.
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Ein penibel gespicktes Fleischstück etwa, führt ein grandioses Massaker durch Einstiche vor Augen, das fast physisch wehtut und doch ob der Virtuosität der Malerei ein "freudiges Entsetzen" auslöst. Hervorquellende, erstarrte Farbflüsse, Fußspuren vom Malen auf dem Boden, Schattierungen und Kleckse führen ein nuanciertes Eigenleben und definieren den Gegenstand neu. Widersprüche und Ambivalenzen scheinen auf durch die gigantische Vergrößerung des einzelnen Gegenstands, der eine dominante, wuchtige Präsenz und plastisch-sinnliche Ausdruckssteigerung entfaltet, die aber der Genauigkeit seiner Erfassung geradezu im Wege steht. Herbeigezoomt erscheint das Objekt verfremdet. Das Auge des Betrachters kann diese oft mehrteiligen und bis zu zehn Metern breiten Bilder kaum mehr in einem Blick erfassen und macht sich an den vielen Detailszenen fest.
Impulsiv, provokativ, ironisch und irreführend, geben sich die Bilder dennoch distanziert und reflexiv. Wie in strengen wissenschaftlichen Versuchsreihen umkreist Krieg den Gegenstand in Erforschung seines Stoffs, über den er nichts Letztgültiges feststellt. "Etats" werden vermittelt, Zustände, die Herausforderung an die eingeübte Sehgewohnheit sind und geradezu wie Appelle an die Konfrontation mit neuen Maßen und Konzepten wirken. Konzeptuell sind sie, bezugsreich in ihren Wahrnehmungen und Assoziationsangeboten. Sie bleiben fremdartig, gerade in ihrer Wucht und auch die Schrift, die fast alle überzieht und neu verklausuliert und mit schwer deutbaren, kippenden Chiffren versieht, unterwirft sich der Bildästhetik und fungiert wie ein reflexiv strukturierendes Element.
"37 Grad" ist der Titel der Ausstellung und er meint den Aggregatzustand des Übergangs der Körperwärme in Fieber. 1937 ist das Geburtsjahr des 2005 verstorbenen Malers.
Rüdiger Hurrle zeigt in seinem Durbacher Museum jetzt 80 Werke aus reichhaltigem Eigenbesitz, Zukäufen und Leihgaben der Dieter Krieg Stiftung und vermittelt in den Bildern einen hervorragenden Überblick über Kriegs Schaffensphasen. In kluger Zusammenarbeit mit Klaus Gallwitz , Kriegs frühem Förderer als Baden-Badener Kunsthallenchef , Leiter des Frankfurter Städels und Kurator des deutschen Biennalepavillons (mit Krieg und Rückriem) 1978 in Venedig, sowie mit Gerrit Friese, dem brillanten Kurator der Stuttgarter Krieg-Stiftung hat Hurrle einen Katalog herausgebracht, der diese verdienstvolle Rückschau dokumentiert.
Autor: Georgis Zwach
