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15. August 2016

Ein Ausflug in das alte Offenburg

Bei einem Stadtspaziergang führen Buchautorin Jutta Bissinger und Silke Moschitz von der Stadtverwaltung zu Traditionsgeschäften.

  1. Fröhliche Runde: Udo Meier vom Western Boots Laden in der Gerberstraße mit Jutta Bissinger und Teilnehmern des besonderen Stadtrundgangs. Foto: Robert Ullmann

OFFENBURG. Es war ein Stadtspaziergang, der Laune machte – und Lust auf mehr: Jutta Bissinger – Autorin unter anderem des Buches "Läden und Leute" über Offenburger Traditionsgeschäfte – und Silke Moschitz von der Stadtverwaltung Offenburg luden zu einem Innenstadtrundgang ein, bei dem alte Offenburger Geschäfte aufgesucht wurden. Es ging darum, aus deren Geschichte zu erzählen von der Gründung bis heute. Damit verbunden war der Ausflug in das alte Offenburg.

Das frühere Stadtbild wurde durch Archivfotos anschaulich, die Silke Moschitz mitgebracht hatte. Die wirtschaftliche Situation vergangener Zeiten machte Jutta Bissingers Lesung aus ihrem Buch lebendig.

Zwölf Traditionsgeschäfte stellt sie darin vor. Sie hat dazu Besitzer und Geschäftsnachfolger aufgesucht, sich erzählen lassen von den Vorfahren und Vorgängern. Entstanden ist so ein lebendiger Ausschnitt aus dem Offenburg-Panorama. Zum Teil fanden die Lesungen und Erzählungen in den Läden selbst statt, zum Teil davor, weil die Läden wegen Urlaubs geschlossen hatten. Wo die Inhaber selbst zugegen waren, gab es interessante zusätzliche Details.

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Geschäfts-Inhaber steuern interessante Anekdoten bei

So erzählte Barbara Roth, Chefin der Buchhandlung Roth, dass damals, in den 1950ern, das Buchhandlungsgebäude noch zweigeteilt war: Eine Hälfte für die Buchhandlung, die andere für das Bürogeschaft Carl Kist.

Als Roth das gesamt Gebäude für die Buchhandlung übernahm, habe man die elf Säulen akzeptieren müssen, die das Gebäude statisch trugen – eher ungünstig für ein Ladengeschäft. Bei dem Umbau zur heutigen Gestalt habe man die Statik völlig überarbeitet, so dass nun nur noch vier Säulen die Last tragen. Bei diesem Umbau 1997 habe man auch im Kellergewölbe in einem alten Kamin eine eingemauerte Zeitung aus dem 19. Jahrhundert entdeckt. Barbara Roth ließ eine aktuelle Zeitungsausgabe mit einmauern. "Für eine spätere Generation", sagt die Buchhändlerin.

Rund 70 Personen haben den Laden-Spaziergang mitgemacht. Jutta Bissingers Lesung weckte gerade bei den Alteingesessenen unter ihnen Erinnerungen an bekannte Offenburger Persönlichkeiten, so an Barbara Roths Großvater Gustav Roth und an ihre Eltern Klaus und Hermine Roth. Hermine Roth führte die Buchhandlung nach dem Tod ihres Mannes, bis Barbara Roth sie 1996 übernahm.

Bis in die 1970er Jahre hinein war die Klientel eher konservativ-katholisch geprägt, was auf Barabara Roths Urgroßvater zurückging, der die Buchhandlung gründete. Als Anfang der 1950er, als die ersten Illustrierten aufkamen mit ihren für damalige Verhältnisse "freizügig" gekleideten Titelschönheiten, mussten sie etwas verdeckt im Zeitschriftständer platziert werden, damit die geistliche Kundschaft keinen Anstoß daran nahm – eine Anekdote, die uns heute schon fast wie Satire anmutet. Die Buchhandlung Roth ist am Puls der Zeit. Das war nicht allen Unternehmen möglich. "Schirm-Staib", 1897 in der Kreuzkirchstraße eröffnet, gibt es nicht mehr. 2007 ging Herbert Neff, der letzte Inhaber, in den Ruhestand und schloss das Geschäft: "Die Zeit hat ein Spezialgeschäft für Schirme einfach überholt", sagte er damals.

Neben dem Einrichtungshaus Bieser und der Reinigung Plank am Lindenplatz war auch eines der auffälligsten Ladengeschäfte Offenburg eine der Stationen: Schuh-Meier in der Gerberstraße, heute ein überregionaler Spezialist für Westernboots. Die auffällige große Indianerfigur vor dem Laden von Udo Meier ist so etwas wie das inoffizielle Wahrzeichen des Viertels zwischen Haupt-, Stein- und Langestraße.

Eröffnet wurde das Geschäft zu einer Zeit, als es noch keine Schuhe von der Stange gab. Jedes Stück war eine Einzelanfertigung, und nur wenige waren reich genug, um sich mehrere Paar Schuhe leisten zu können. Entsprechend wurden Schuhe gepflegt und "gewartet". Ein Schuhmacher war immer auch einer, der Schuhe flickte. Udo Meier macht das heute noch – vor allem bei Western Boots. "Wenn’s keiner mehr hinkriegt, kommen sie zu mir", sagt er.

Vor 25 Jahren bestellte er zum ersten Mal drei Western-Boots-Modelle. "Die gingen ruckzuck weg", erinnert er sich. Heute gilt er als Top-Spezialist mit Kundschaft von der Schweiz bis Rheinland-Pfalz.

Was die Zukunft der Traditionsgeschäfte angeht, da ist Jutta Bissinger ein wenig skeptisch. Die vielen Filialisten machten es ihnen nicht leicht, und selbst wenn "der Laden läuft", gebe es oft das Nachfolgerproblem.

Autor: Robert Ullmann