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20. April 2015

Ein Denker, der Grenzen nicht akzeptiert

Marokkaner Fouad Laroui liest im "Wortspiel".

OFFENBURG. Einem "Wortspiel" der besonderen Art folgten Literaturinteressierte am Donnerstag in der Offenburger VHS. Der marokkanische Autor Fouad Laroui hat im Rahmen der Offenburger Literaturtage aus seinem Roman "Die alte Dame von Marrakesch gelesen" – Laroui im französischen Original, VHS-Leiterin Martina Wörner las die entsprechenden Passagen in der neu erschienenen deutschen Übersetzung. Einführung und Erläuterungen des Autors wurden von Monique Reiser für das Publikum übersetzt.

Vier Kapitel liest Laroui aus seinem Buch. Der erste Teil beginnt unterhaltsam und leicht, aber mit durchaus bissigem Humor. Ein französisches Ehepaar um die vierzig lebt sorgenfrei in Paris, doch der Ehemann träumt vom Ausbruch aus der Routine. Jeden Abend nach den Acht-Uhr-Nachrichten überkommt ihn die "Sehnsucht, Leine zu ziehen", liest Wörner in der deutschen Übersetzung. Mal ist es der australische Outback, dann träumt er von Montana. Er ist "süchtig nach Gucklöchern".

Das Ehepaar beschließt einen Riad in Marrakesch, ein typisches Altstadthaus mit Innenhof zu kaufen, wie so einige betuchte Franzosen zuvor. Doch in dem alten Haus wohnt eine uralte Dame, für die niemand zuständig ist. "Die alte Frau steht symbolisch für die Seele dieser Stadt", erklärt Laroui.

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7000 Franzosen leben in Marrakesch

An die 7000 Franzosen wohnen heute in Marrakesch, viele besitzen einen Riad. Aber wie viele von ihnen kennen das Land und die Stadt, ihre über 1000 Jahre alte Geschichte, fragt Laroui. Das Ehepaar muss sich mit der alten Frau und damit auch mit der jüngeren marokkanisch-europäischen Geschichte auseinandersetzen, denn die alte Frau wartet darauf, dass die Franzosen ihr ihren Sohn zurückgeben. Dieser hat im Zweiten Weltkrieg an der Seite der Franzosen in Italien gekämpft und wird seither vermisst.

Was sich im ersten Teil als amüsante, leichte Satire anbahnt wird im zweiten Teil zu "ernsthafter Geschichte", erklärt der Autor. Der verlorene Sohn kämpfte unter Guerilla-Anführer Abd al-Karim beim Aufstand der Rifkabylen gegen spanische Kolonialtruppen in den 20er Jahren, später in der Schlacht von Monte Cassino, in der mehr Marokkaner als Franzosen und Deutsche kämpften und ums Leben kamen, so Laroui. Die Figur Abd al-Karim liegt dem marokkanischen Autor besonders am Herzen. Er war mit seinem Traum von einer marokkanischen Republik seiner Zeit weit voraus.

Identitätssuche in einer globalisierten Welt

Laroui ist ein Denker, der in seinem Leben keine Grenzen akzeptiert: 1958 in Marokko geboren, studierte er in einer renommierten Grande École in Paris Ingenieurwissenschaften, promovierte in England in Wirtschaftswissenschaften und lehrt inzwischen französische Literatur und Philosophie an der Universität in Amsterdam. Neben französisch, arabisch und englisch spricht er fließend niederländisch und weist Monique Reiser auf kleine Übersetzungsfehler hin, denn auch die deutsche Sprache ist ihm nicht fremd. Neben mehreren Erzählungen hat er sieben Romane geschrieben, die von der Identität des Einzelnen in einer globalisierten Welt, von Konfrontation und Dialog zwischen den Kulturen handeln. Für seine Werke wurde Laroui mehrfach ausgezeichnet, im Jahr 2014 mit dem wichtigen Prix Goncourt. Mit viel Humor und Charme beantwortet er Fragen des Offenburger Publikums und freut sich, Geschichte und Kultur seines Landes auch in Deutschland vermitteln zu können. Offenburg war für ihn "Deutschland-Premiere".

Autor: Carola Bruhier