Ein Empfinden, das nicht alltäglich ist

Christine Storck

Von Christine Storck

Do, 13. September 2018

Offenburg

LEUTE IN DER STADT: Selina Kornmeier hat eine Selbsthilfegruppe für Hochsensible initiiert und ist auf viel Interesse gestoßen.

OFFENBURG. Sie leiden oft unter Lärm und Licht, haben ein starkes Schmerzempfinden und verarbeiten Gefühle auf einer tieferen Ebene: Hochsensible Menschen nehmen Umweltreize besonders intensiv wahr und denken viel und tiefsinnig darüber nach. In der Ortenau startet am 17. September einer neue Selbsthilfegruppe, die schon vorab auf reges Interesse stößt. Initiatorin ist Selina Kornmeier aus Renchen. Die 32-Jährige sieht ihr starkes Empfinden als Bereicherung: "Ich würde nicht tauschen wollen", sagt sie im Gespräch.

Glaubt man der kalifornischen Psychologin Elaine Aron, die das Thema in den USA und in Deutschland bekannt gemacht hat, sind etwa 20 Prozent aller Menschen hochsensibel. Das kann, so die Theorie, Vor- und Nachteile haben. Je nach Ausprägung empfinden Betroffene ihr Leben als interessant und bereichernd, oder aber sie leiden unter permanenter Reizüberflutung. Selina Kornmeier hat schon immer viel wahrgenommen, vor allem für Stimmungen hat sie einen besonderen Draht. "Früher habe ich gedacht, anderen geht es genauso", sagt sie.

Als ihre Tochter vor sechs Jahren auf die Welt kam, realisierte sie, dass ihr Empfinden vielleicht nicht alltäglich ist. Denn das Neugeborene, das sie in den Armen hielt, war ebenfalls anders als andere Babies. "Sie war ungewöhnlich wach und hat mir direkt in die Augen geschaut. Das hat sogar die Hebamme überrascht", erinnert sich Kornmeier. Die ersten Wochen und Monate zu Hause waren nicht einfach: Denn die Kleine hat ungefiltert alle Reize wahrgenommen, abends viel geweint und nur schwer in den Schlaf gefunden. "Das ist heute noch so", sagt die 32-Jährige. Später, als Kleinkind, fielen den Eltern ihre motorische Begabung und die komplexen Gedankengänge auf. Erst dachten sie, die Tochter sei einfach früh entwickelt, aber mit drei Jahren stand dann fest: Ihr Kind ist ebenfalls hochsensibel. Das nahm Selina Kornmeier zum Anlass, sich ebenfalls testen zu lassen und viel über das Thema in Erfahrung zu bringen.

"Erst hat es mir Angst gemacht. Dann war ich froh, endlich zu wissen, was los ist, auch mit mir", sagt die dreifache Mutter heute. Denn viele Dinge, die anderen scheinbar nichts ausmachten, belasteten sie schon viele Jahre. Lärm zum Beispiel, oder viele Menschen und der von ihnen ausgehende Trubel. "Deshalb feiere ich nicht gerne Geburtstag, sondern fahre lieber weg", sagt Selina Kornmeier. Oder aber sie verbringt mit ihrer Familie viel Zeit in der Natur. Diese Ruhephasen in den Alltag einzubauen, sei wichtig, um aufzutanken. "Mein Mann ist da ganz anders", sagt sie. Er gehe gern auf Feste und pflege einen großen Freundeskreis, während sie lieber nur wenige Menschen um sich hat. Dafür, dass sie andere Bedürfnisse hat, hat er Verständnis. "Er ist als Gegenpart für uns ganz wichtig", sagt sie.

Hochsensibilität – das ist ein Thema, über das Selina Kornmeier normalerweise nicht so gerne mit anderen redet. "Es ist natürlich nichts Schlimmes, aber ich möchte nicht belächelt werden", erklärt sie. Dass es mittlerweile fast ein Modethema geworden sei, störe sie. Gleichwohl hatte sie die Idee, eine Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen, um Betroffene aus der Region zusammen zu bringen, die sich austauschen möchten. Das Interesse scheint groß, bisher haben sich schon rund 20 Menschen aus der ganzen Ortenau gemeldet. "Ich mache es für andere", sagt die gelernte Ergotherapeutin. Freuen würde sie sich, wenn zu den Gruppentreffen auch Partner von Hochsensiblen oder Eltern betroffener Kinder kommen würden. Geplant sei, die Zusammenkünfte in regelmäßigen Abständen alle zwei bis drei Monate stattfinden zu lassen.

Selina Kornmeier geht mittlerweile selbstbewusst mit dem Thema um, auch wenn sie es nicht jedem auf die Nase bindet. "Ich bin stolz auf meine Talente", betont sie. Dass ihr nichts entgeht, findet sie schön. Ihren Alltag hat sie – auch mit mittlerweile drei Kindern – darauf eingerichtet, "Ich verpasse überhaupt nichts, weil ich hochsensibel bin, im Gegenteil."

Das erste Treffen der neuen Selbsthilfegruppe für Hochsensible findet am 17. September um 18.30 Uhr im Landratsamt Offenburg, Badstraße 20, kleiner Sitzungssaal, statt. Anmeldung: Tel. 0781/8059771 oder E-Mail hector.sala@ortenaukreis.de.