Ein ergreifender Jahresausklang

Barbara Puppe

Von Barbara Puppe

Di, 03. Januar 2017

Offenburg

Beeindruckendes Silvesterkonzert mit Felix Ketterer und Marco Frizenschaf.

OFFENBURG. Einen glanzvollen, aber auch nachdenklich machenden musikalischen Jahresausklang erlebten die Besucher beim Silvesterkonzert in der Heilig-Kreuz-Kirche.

Zurückblicken und staunen, Begrenzungen und Schwächen annehmen, loslassen, das Alte gegen das Neue tauschen. Diese Wünsche zum Jahreswechsel stellte Dekan Matthias Bürkle an den Anfang des schon zur Tradition gewordenen Konzertes in der Kirche, die im letzten Jahr ihr 600-jähriges Jubiläum feiern konnte. Der feierlich Rahmen der weihnachtlich geschmückten Barockkirche lud dazu ein, den Blick schweifen zu lassen zum Rokoko-Hochaltar, den vergoldeten Engeln, Heiligenfiguren und Gemälden und sich dabei seinen Empfindungen, Erinnerungen und Gefühlen hinzugeben. Mancher Konzertbesucher saß jedoch auch in sich versunken da und lauschte den mal mächtig triumphierenden, mal behutsam schwingenden Klängen der Instrumente, die sich ins hohe Kreuzgratgewölbe empor schwangen.

Felix Ketterer, Kirchenmusiker der katholischen Kirchengemeinde Sankt Ursula, Orgel, und Marco Frizenschaf, Mitglied des Bläserensembles der Kantorei Sankt Ursula, musizieren seit Jahren erfolgreich in diversen Konzerten zusammen und stellten ihr Können bereits in zahlreichen Auftritten im In-und Ausland unter Beweis. Für den festlichen Glanz am Silvesterabend sorgten Werke aus dem Barock und der Romantik. Johann Sebastian Bachs Concerto per Tromba et organo in D-Dur als Transkription eines Violinkonzertes von Antonio Vivaldi begeisterte das Publikum mit dem präzisen Zusammenspiel von Orgel und Trompete, auch bei Händels Aylesford-Suite untermalte die Orgel die klaren Töne der Trompete, griff einzelne Läufe auf, setzte zu anderen einen Gegenpol, um bis zum machtvollen Schlussakkord wieder zusammen zu finden. Bei der Toccata in g-moll des zeitgenössische André Knevel entlockte Ketterer der Orgel schnell aufeinanderfolgende, sich fast überschlagende Läufe, die sich zum dramatischen Finale steigerten und im Schlussakkord wie erlöst ausklangen. Majestätisch ergreifende Mollklänge der Sonate II in c-moll von Felix Mendelssohn-Bartholdy für Orgel solo führten die Zuhörer mit mächtigen, oft dissonanten Passagen bereits hin zum angekündigten Rückblick auf das Jahr, in dem so viele gewaltsame und traurige Momente im Mittelpunkt standen.

In der inzwischen zur Tradition gewordenen Orgelimprovisation kommentierte Felix Ketterer das vergangene Jahr musikalisch und ließ sich dabei von den Emotionen leiten, die die verschiedenen Ereignisse des letzten Jahres in den Menschen ausgelöst haben. Die Suite improvisée über das Jahr 2016 in drei Sätzen galt den vielen Opfern der Gewalt in Aleppo und der Anschläge in Frankreich und Deutschland. Der Musiker setzte die Bedrohung, Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit an der Orgel eindrucksvoll um, um sich schließlich zur Melodie des Kanons: "Herr gib uns deinen Frieden" einzufinden. Im zweiten Satz verarbeitete Ketterer das "Hallelujah" von Leonard Cohen und erinnerte damit an ihn und Menschen aus Nah und Fern, die uns bereits verlassen haben: George Michael, beispielsweise, Fidel Castro, Hildegard Hamm-Brücher, Hans-Dietrich Genscher oder Jutta Limbach. Neben der dankbaren Erinnerung und dem Gefühl der Sorge um das Kommende, das viele Menschen umtreibt, sollte der Schluss versöhnlich sein.

Hoffnung war deshalb der dritte Satz überschrieben, in dem Ketterer den Choral "Meine Hoffnung und meine Freude" der französischen Brüdergemeinschaft von Taizé variierte. Fazit: eine glanzvolle, ergreifende Stunde zum Jahresausklang, schöne Musik von hochkarätigen Komponisten und Interpreten. Nach der der Zugabe "Gloria in excelsis deo" gab es reichlich Applaus.