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24. November 2009 18:34 Uhr

Fachkongress "Ecomobil" hat Premiere in Offenburg

Ein Plädoyer für radikales Umdenken

Heute wurde in Offenburg der Fachkongress Ecomobil eröffnet: Zwei Tage lang dreht sich in der Oberrheinhalle alles um nachhaltige Verkehrsentwicklung, neue Antriebstechnologien, Mobilitätsmanagement und zukunftsfähige Stadtplanung.

  1. Sebastian Sinz, Student der Hochschule Offenburg, mit dem "Schluckspecht City", der auf der Ecomobil präsentiert wird. Foto: Helmut Seller

Er ist ein Urgestein der modernen Umweltbewegung, war als Verkehrsdirektor des Umweltbundesamtes ein unbequemer Kritiker der Automobilindustrie und ist nach wie vor ein hartnäckiger Kritiker der deutschen Verkehrspolitik: Axel Friedrich (62) hat heute nicht nur die Premiere des neuen Fachkongresses "Ecomobil" eröffnet, sondern vor rund 100 Fachleuten in einer flammenden Rede für ein radikales Umdenken angesichts des Klimawandels plädiert.

Zwei Tage lang dreht sich in Offenburg alles um nachhaltige Verkehrsentwicklung, neue Antriebstechnologien, Mobilitätsmanagement und zukunftsfähige Stadtplanung. Dass auch Offenburg die Zeichen der Zeit erkannt hat, machte Edith Schreiner in ihrer Begrüßungsansprache deutlich. "Wir wollen die Menschen zum Umdenken bewegen", sagte die Oberbürgermeisterin. Ziel des 1996 von der Stadt verabschiedeten Integrierten Verkehrskonzeptes sei es, auch unter dem Gesichtspunkt der Kohlendioxid-Reduzierung den Focus nicht nur auf einer Nutzung des Autos zu legen. Der Anteil der zu Fuß, per Rad oder Bus und Bahn zurückgelegten Wege soll von heute 52 Prozent auf 57 Prozent im Jahre 2025 gesteigert werden: "Das ist ein nicht so einfaches Unterfangen", räumte Schreiner ein.

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Dass solche Bemühungen der Kommunen indes nicht nur dringend nötig, sondern eigentlich längst überfällig sind, wurde aus der Rede von Axel Friedrich deutlich. Der studierte Chemiker und langjährige Mitarbeiter des Umweltbundesamtes, der heute als Berater weltweit gefragt ist, zeigte die Dramatik des Klimawandels auf. Die Erderwärmung sei menschengemacht und nehme seit 40 Jahren deutlich zu. "Wenn man heute in Grönland den Boden vereist, damit die Häuser nicht versinken, dann ist das ein Alarmzeichen", so Friedrich. Wenn es so weiter gehe wie bisher, dann gebe es in 20 Jahren kein arktisches Eis und in den Alpen keine Gletscher mehr. In Deutschland sei mit bis zu 41 Grad heißen Sommertagen und Trockenheit zu rechnen, im Winter dagegen mit häufigen und schweren Niederschlägen. Allein um "dramatische" Schäden zu vermeiden, müsse der Temperaturanstieg bis 2050 auf maximal zwei Grad begrenzt werden. "Für die Industrie heißt das, dass der Ausstoß an Klimagasen um 80 Prozent gemindert werden muss", so Friedrich. Und jeder Einzelne müsse bis 2050 die durch ihn verursachten CO2-Emissionen von heute zehn auf dann zwei Tonnen reduzieren. Der Umweltexperte stellte auch klar: "Wer heute noch Kohlekraftwerke baut, begeht eine Klimasünde." Auch in Sachen Flächenverbrauch hat sich aus Sicht von Friedrich "trotz vieler schöner Vereinbarungen" bisher nichts getan. Nur noch 562 unzerschnittene Flächen gebe es derzeit in Deutschland – viel zu wenig, um die Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen zu halten. Friedrich fordert, dass für jede neue Straße eine alte entfernt wird. Und: "Wir brauchen einen Stopp des Straßenbaus." Auch für Lärm müsse es eine Fortschreibung der Grenzwerte geben. Lärm mache krank und verursache finanzielle Schäden in Höhe von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Als technologisch gelöst sieht Axel Friedrich das Problem des Schadstoffausstoßes durch den Autoverkehr an. Schon bei einem Euro-4-Fahrzeug seien "die Emissionen im Abgas niedriger als in der angesaugten Luft". Jetzt gehe es nur noch um den Austausch der Fahrzeuge. "Alpträume" verursache jedoch die Tatsache, dass sich die Zahl der Autos bis 2050 weltweit verdreifachen werde und damit auch die CO2-Emissionen weiter nach oben gehen.

Dass die Bundesregierung auf das Elektroauto setzt und für dessen Förderung viel Geld in die Hand nimmt, ist aus Friedrichs Sicht "eine Fehlplanung". Wichtiger seien Autos mit deutlich geringerem Verbrauch, weshalb auf Leichtbauweise zu setzen sei. Auch müsse eine drastische Reduktion der Verkehrsnachfrage erreicht werden: "Die Gütermenge hat sich nicht verändert, aber die Wege sind länger geworden."

Autor: hsl