Eine wilde Prügelei der Weltreligionen

Carola Bruhier

Von Carola Bruhier

Di, 04. Oktober 2016

Offenburg

Das Baal Novo Theater Eurodistrict setzt mit Nathans Kinder auf die Jugend und die Liebe.

OFFENBURG. Mit der Premiere von Nathans Kinder ist das Baal novo Theater Eurodistrict am Samstagabend im Offenburger Salmen in die neue Theatersaison gestartet. Der Jugendtheateradaptation liegt Lessings "Nathan der Weise" zugrunde, dem wohl bekanntesten Drama aus der Epoche der Aufklärung, das mit der uralten Ringparabel für Toleranz und Menschlichkeit zwischen den Religionen wirbt. Autor Ulrich Hub belässt die Geschichte im Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge, stellt aber die jungen Liebenden, den Kreuzritter Kurt und Recha, Nathan‘s Tochter, in den Mittelpunkt.

Damit führt nicht mehr die Weisheit Nathans zu einer Veränderung der Positionen sondern die Suche der Jungen nach Freiheit, Liebe und einem glaubwürdigen Gott. Sultan, Bischof und der Jude Nathan sind als Vertreter der drei großen Weltreligionen gefangen in ihren Vorurteilen, Hass und Misstrauen. Sie entsprechen in der zuspitzenden, für ein junges Publikum leicht verständlichen Inszenierung von Diana Zöller den Klischees: Der Sultan, mit viel Elan gespielt von Theaterleiter Edzard Schoppmann, ist stolz, ungestüm und schnell in seiner Ehre verletzt. Baal-novo-Geschäftsführer Guido Schumann gibt einen dekadent verweichlichten, den irdischen Genüssen sehr zugeneigten, intriganten Bischof im rosaroten Habit. Horst Kiss verleiht Nathan, mit Schläfenlocken und schwarzem Anzug viel Warmherzigkeit, Humor aber auch ein gewisses Geschick, wenn es um Geldangelegenheiten geht. Er ist als die komplexeste Figur in der Erwachsenenwelt des Stückes angelegt.

Die Sympathie des Publikums gilt dem jungen Liebespaar, das sich gegen Vorurteile, Misstrauen und Feindschaft in den Köpfen der Erwachsenen zur Wehr setzen muss, um über die Grenzen der Religionen ihre Liebe zu leben. Der junge Kreuzritter Kurt, groß, vierschrötig, das Schwert schnell in der Hand, wird gespielt von Benjamin Wendel. Er hat Recha, die Ziehtochter von Nathan, vor dem Tod in den Flammen gerettet, sieht aber zunächst nur die Anhängerin einer anderen Religion in dem attraktiven Mädchen. Yaroslava Gorobey spielt eine überzeugend kindlich-charmante, aufmüpfig-freche, verletzlich-liebevolle leichtfüßige Recha, die dem auf Soldatengehorsam getrimmten Kurt die Augen öffnet: "Kein Mensch hat sich seine Religion ausgesucht hat, aber letztendlich sind alle Menschen". Diesen Satz hat sie von ihrem lebensklugen Ziehvater Nathan gelernt.

Als nicht nur ihre Liebe sondern auch Nathans Leben durch Intrige und Religionshass in Gefahr ist, fordert Recha ihren Vater auf, die Ringparabel zu erzählen. Und doch entzündet sich ein Dogmenstreit der in eine wilde burleske Prügelei zwischen den drei Religionsrepräsentanten ausartet. "Friede wird es erst geben, wenn es keinen Gott mehr gibt", ruft daraufhin Kurt. Nur Recha gelingt es die vier Männer zur Vernunft zu bringen. Beim genüsslichen Schmaus herrscht endlich Friede und Eintracht. "Dieser Friede wird nicht ewig halten", befürchtet Nathan, doch Recha fordert ihn auf, "doch ein bisschen Vertrauen zu haben."

Nathans Kinder unterhält als kurzweiliges Jugendtheater, regt aber auch zum Nachdenken an in einer Zeit, in der der Kampf der Religionen, Vorurteile und Hass zunehmen und Friede schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Die Nächste Vorstellung für Schulklassen ist am 6. Dezember im Zeitareal in Lahr.