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09. Februar 2012
Flucht-Traktor war die Basis fürs Speditionsgeschäft
LEUTE IN DER STADT: Der Unternehmer Georg Dietrich wird heute 90 Jahre alt / Großes Engagement für Olsztyn und Offenburg.
OFFENBURG. Maler, Spediteur, Kaufmann – all das war er in seinem beruflichen Leben. Er hätte es womöglich sogar zu höchsten kommunalen Ehren bringen können, etwa zum Oberbürgermeister einer Großstadt in Polen. Jedenfalls sagte vor genau zehn Jahren der Stadtpräsident der polnischen Partnerstadt von Offenburg, Czeslaw Malkowski, anlässlich des 80. Geburtstages von Georg Dietrich: "Würde Georg Dietrich sich in Olsztyn um ein Amt bewerben, er könnte der Mehrheit der Bevölkerung sicher sein." Ob Krankenhaus, Gymnasium, Waisenhaus oder Universität: Überall genieße Dietrich ob seines, Engagements Zuneigung.
Rathauschef oder ein ähnlich prominentes Amt wollte der Mann aus Offenburg-Bühl denn doch nicht mehr anstreben. Aber von seinem Engagement zeugen viele hohe und höchste Auszeichnungen. So wurde ihm bereits 1982 die Offenburger Bürgermedaille verliehen. Auch ist er Ehrendoktor der Uni Olsztyn, und seinen Namen trägt längst auch die Gemeindehalle in seinem Heimatdorf.
Georg Dietrich kam am 9. Februar 1922 als ältestes von fünf Geschwistern in Griesheim zur Welt. Im benachbarten Bühl wuchs er auf. Schon früh bekam er in der eigenen Familie die Schrecken des Krieges mit: Zwei Schwestern des Vaters waren in Paris mit Franzosen verheiratet, die beide auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges fielen. Der Vater, gelernter Malermeister, kam erst 1921 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Georg Dietrich machte eine Malerlehre, um später einmal den Betrieb des Vaters zu übernehmen. Doch es kam alles anders: Der Vater starb 1940, im selben Jahr wurde Georg Dietrich eingezogen. Er kämpfte in Nordafrika, Russland und der Westfront.
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Er floh, als Franzose verkleidet, auf einem Traktor mit einigen Kameraden vor der drohenden Kriegsgefangenschaft nach Hause in den Schwarzwald. Der Traktor wurde als erstes Gefährt der Grundstein für das spätere Speditionsgeschäft.
Buchstäblich aus dem Nichts baute Dietrich mit Unterstützung seiner Frau, und – wie er nie müde wurde zu betonen – einer Mannschaft, die mit ihm stets an einem Strang zog, ein international operierendes Unternehmen auf. Anfangs in Bühl, siedelte der Betrieb 1957 in den Norden Offenburgs um. Am Ende beschäftigte er von der Offenburger Zentrale aus neben 900 Mitarbeitern rund 250 Subunternehmer.
Als Dietrich sich 1989 aus dem Unternehmen zurückzog, durfte er sich in seiner Grundüberzeugung bestätigt sehen: "Ich muss immer das Gefühl haben, etwas zu bewegen. Eine Sache, mit der ich mich identifiziert habe, muss ich zum Erfolg bringen." Das geschah letztlich auch mit seinem zweiten großen Lebenswerk: dem Polen-Projekt samt der "Weihnachtsbrücke" nach Olsztyn, dem früheren deutschen Allenstein. Das Projekt wurde später auch auf Kaliningrad/Russland ausgedehnt. Dietrichs Herzensanliegen, das seinen ganzen bisherigen Ruhestand ausfüllte, begann 1981. Ab diesem Zeitpunkt stellte er kostenfrei Lastzüge für den Transport von Lebensmitteln und sonstige Hilfsgüter in die bitterarme Stadt Olsztyn, damals noch Teil des Ostblocks, zur Verfügung. Zuvor hatten der damalige Offenburger Oberbürgermeister Martin Grüber und der Gemeinderat bei der Bevölkerung um Hilfe für Olsztyn, das einstige deutsche Allenstein, geworben. Warum gerade diese Stadt? Den früheren SPD-Fraktionschef Engelbert Heck, international als Handball-Funktionär tätig, führte mal eine Sitzung dorthin. Heck erzählte von der großen Armut der Menschen. Und die Hilfe konnte beginnen.
Über diese "Weihnachtsbrücke" wurde unter Georg Dietrich (und später Marlis Weitzmann) mehr als zwei Jahrzehnte lang den Ärmsten geholfen. 1998, als Dietrich als erster Ausländer zum Ehrenbürger von Olsztyn ernannt wurde, zeigte er sich abermals großzügig: Zusammen mit seiner Ehefrau, die ihm stets eine loyale Partnerin war, gründete er die Georg-und-Maria-Dietrich-Stiftung. Spontan stellte er zwei Millionen Mark zur Verfügung, um Offenburger und Olsztyner noch enger zusammenzubringen. Dass im März 1999 zwischen den beiden Städten eine offizielle Partnerschaft gegründet wurde, ist auch in erster Linie Dietrich zu verdanken.
Dietrich, keine Frage, hat sich gegenüber der 1300 Kilometer entfernten Partnerstadt in drei Jahrzehnten höchst spendabel gezeigt, womit er, wie er stets betonte, einen wichtigen Beitrag zum "geeinten Europa" leisten wollte. Doch auch gegenüber seiner Heimatstadt Offenburg trat er als Gönner auf: Gerade die positive Entwicklung der Hochschule ist ihm seit vielen Jahren ein bedeutendes Anliegen.
Seit 2007 verdankt sie ihm einen Logistik-Lehrstuhl: Gemeinsam mit Ehefrau Maria hat er eine Stiftung (Vermögenswert: 500 000 Euro) gegründet mit dem Zweck, Wissenschaft, Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Logistik zu fördern. Wie sagte doch der frühere Großspediteur: "Ohne Logistik gibt es keine Wirtschaft." Im vergangenen Jahr hat die Hochschule in einer früheren Werkstatthalle des Unternehmens sogar das neue "Institut für Energiesystemtechnik" eingerichtet. Georg Dietrich wird heute 90.
Autor: Hubert Röderer
