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05. August 2011
Für Blinde tut sich manche Hürde auf
Der Offenburger Bahnhof ist zwar vorbildlich behindertengerecht ausgestattet – aber noch längst nicht überall.
OFFENBURG. Auch behindertenfreundliche Bahnhöfe sind noch verbesserungswürdig: Mit dieser Erkenntnis hat Karin Binder, Bundestagsabgeordnete der Linken, gestern Vormittag ihre Begehung in Offenburg beendet. Die langjährige Gewerkschaftssekretärin nahm insgesamt fünf Bahnhöfe entlang der Rheintalschiene unter die Lupe. Leitfragen waren Barrierefreiheit, Alten- und Familiengerechtigkeit.
Erste Station war in Offenburg. Begleitet wurde die Politikerin von Micha Knebel, dem Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Südbaden. Der stark sehbehinderte Mann weiß aus eigener Erfahrung, welche Hürden sich auftun können, die für sehende Menschen gar kein Problem darstellen. Zwar gibt es ein Leitsystem auf dem Boden, das aus Platten mit starken Rillen besteht, die mit dem Blindenstock nachgefahren werden können. Allerdings muss man erst durch die Schalterhalle gelangen, um auf die Platten zu stoßen. Zudem führen Treppenstufen ohne Rampe zu den Fahrkartenschaltern – für Rollstuhlfahrer ein unüberwindbares Hindernis. Wer sich auskennt, kann am westlichen Gleiszugang ebenerdig bis zur Schalterhalle gelangen. Ausgeschildert ist diese Strecke allerdings nicht und daher nur für Eingeweihte nutzbar.Werbung
Vorbildlich hingegen seien die Aufzüge. Die Tasten sind mit einem befühlbaren Schriftzug versehen, zudem ertönt eine Stimme beim jeweiligen Drücken. "Alles, was man sieht, muss man auch hören können", sagt Gabriele Kehr. Die Fachkraft der Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation verweist damit auf einen Grundsatz behindertengerechter Ausstattung. Der enorme Geräuschpegel, den durchrasende Güterzüge verursachen, sei ein weiteres Problem: "Wenn es so laut ist, ist ein Blinder verloren." Die fehlende Sehkraft wird oft übers Hören ausgeglichen.
Als vorbildlich wertete Knebel die neue Ostunterführung. Hier sei das Leitsystem auch farblich deutlich abgegrenzt von den übrigen Pflastern: "Ich finde es sehr beruhigend, dass das Bewusstsein für solche Maßnahmen vorhanden ist." Im alten Trakt der Unterführung ist lediglich die weiße Markierung fortgesetzt, Rillensteine gibt es dort nicht.
Herbert Maier, der als Vertreter der Bürgerinitiative Bahntrasse die Gruppe begleitet hatte, ging kurz auf die Entstehungsgeschichte des Bahnhofs ein, der 1844 zunächst als Sackbahnhof gebaut wurde. Die ursprüngliche Strecke von Karlsruhe nach Basel verlief über Straßburg.
Erst 1850 wurde die Bahnlinie durch die Stadt hindurchgeführt – mit Konsequenzen, an denen Offenburg bis heute zu knabbern hat. Er verwies auch auf die beiden zusätzlichen Güterzuggleise, die an der Ostseite liegen und 1911 errichtet wurden. An Schallschutz sei bis heute nicht gedacht worden, merkte Maier an.
Bereits im Februar haben sich Vertreter der Linkspartei in Sachen Rheintalbahn und Ausbau drittes und viertes Gleis kundig gemacht.
In diesem Zusammenhang seien sehr viele Sicherheitsfragen aufgetaucht, sagte Binder, die seit 2005 für ihre Partei im Bundestag sitzt und dort für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Ernährung zuständig ist. Als überzeugte Bahn- und ÖPNV-Nutzerin habe sie sich dieses Themas besonders angenommen.
Autor: Gertrude Siefke
