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26. März 2009

Geschichte beginnt 600 Jahre früher

Nach der Ausgrabungen auf dem Burgerhof-Areal muss die Offenburger Stadtgeschichte in einigen Kapiteln neu geschrieben werden

  1. Diese Verfärbung im Lössboden ist der Beweis, dass der Offenburger Stadthügel schon längst vor den Römern besiedelt war. Foto: Ralf Burgmaier

  2. Klar: Die Römer waren da. Römisches Tafelgeschirr der feineren Sorte. Foto: Ralf Burgmaier

  3. Florian Gauss zeigt das Fundament der mutmaßlich ersten Offenburger Stadtmauer, die wohl durch einen Erdrutsch eingestürzt ist, wie er anhand des Schichtenversprungs unterhalb nachweisen kann. Foto: R. Burgmaier

OFFENBURG. Das hat sich gelohnt. Die Grabung des staatlichen Denkmalschutzes auf dem Burgerhof-Areal konnte erstmals eine fast lückenlose Besiedlung des Stadtbuckels von den Kelten bis zur Stadtgründung im 12. Jahrhundert nachweisen. Spuren der Kelten, der Römer und frühmittelalterlicher Bewohner fanden die Archäologen und sogar die erste mittelalterliche Stadtmauer, die vermutlich wegen eines Baufehlers eingestürzt ist.

Die erste kleine Sensation ist eine sanduhr-förmige dunkle Verfärbung im Profil des Offenburger Lössbodens. Es handelt sich um eine verfüllte, so genannten Trichtergrube. Auf ihrem Boden lagern Tongefäße und Scherben, welche die Grube laut Grabungsleiter Florian Gauß plus-minus ins 6. vorchristliche Jahrhundert datiert. "Es ist der erste prähistorischer Fund im Altstadtgebiet, der beweist, dass der Offenburger Lösshügel schon vor den Römern besiedelt war. Das ist einmalig bisher", deutet Jutta Klug-Treppe, für die Bodendenkmalpflege zuständige Konservatorin beim Regierungspräsidium Freiburg, den Befund. Nach den Keramikformen waren es wohl Kelten, die auf dem von der Natur begünstigten Platz oberhalb der Kinzigniederung siedelten. Solche Gruben nutzten die Kelten als eine Art Kühlschrank zur Vorratshaltung.

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Die Kelten mussten weichen, als das römische Imperium zwei Generationen nach der traumatischen Niederlage gegen die Germanen um 9 nach Christus im Teutoburger Wald im Jahre 74 unter dem Kaiser Vespasian wieder auf rechtsrheinisches Gebiet vorstießen. Auch das lässt sich auf dem Burgerhof nachweisen.

Die Lücke zwischen der Römerzeit und dem Mittelalter wird kleiner
Zwar fanden die Archäologen nicht, wie gehofft die Fortsetzung des bereits 2005 unter der Kornstraße angetroffenen Grabens vor der Palisade des Römerkastells, aber sie konnten die Reste eines römisches Haus ausgraben. "Auf dem Burgerhofareal befinden wir uns voll in der römischen Besiedlung", sagt Jutta Klug-Treppe und Florian Gauß zeigt im Lössboden die Überreste eines mindestens 23 Meter langen, so genannten römischen Streifenhauses. Dieser Langhaustyp aus Holz oder Fachwerk wurde in mehreren Exemplaren in der römischen Handwerkersiedlung östlich der B3 in Lahr-Dinglingen gefunden. Ob der Offenburger Fund darauf hindeutet, dass es sich um eine zivile Handwerkersiedlung außerhalb des Römerlagers handelt, konnte wegen mittelalterlicher Bodeneingriffe nicht geklärt werden. Auch nicht, bis wann die Römer geblieben sind. Wenn sich für einen Münzfund tatsächlich die Vorabdiagnose "spätantik"bestätigen sollte, wie Gauß vermutet, dann wäre das die nächste Sensation. Bisher gingen die Forscher davon aus, dass sich die Römer – mit Ausnahmen – spätestens mit der Landnahme der germanischen Alemannen um 260 nach Christus vom rechten Oberrhein zurückgezogen haben. Die zeitliche Lücke zu den mittelalterlichen Besiedlungsspuren würde somit noch enger werden.

Aber auch von der mittelalterlichen Seite her kann die Burgerhof-Grabung die Grenzen in Richtung Antike verschieben. Einen unscheinbar wirkenden Keramikscherben, der kein Streufund ist, datieren die Fachleute ins 7. bis 10. nachchristliche Jahrhundert, was eine schöneBestätigung wäre für einen Befund, der 2005 in der Wasserstraße ausgegraben wurde und den der Archäologe Mark Rauschkolb ins 11. Jahrhundert datiert hat, also ebenfalls vor die hochmittelalterliche Stadtgründung.

Als Offenburg dann endlich, wohl um die Mitte des 12. Jahrhunderts, zur Stadt ausgebaut wurde, brauchte es auch eine Stadtmauer. Der erste Versuch in dieser Richtung wurde wohl oben auf dem Stadthügel gebaut – und ging gründlich schief. Die Archäologen sind sich sicher, dass diese erste Mauer zu schwer war für den Lössboden nahe der Abbruchkante zum heutigen Zwingerpark. Im Profil können sie nachweisen, wie der Boden durch das Gewicht der Mauer um rund 40 Zentimeter absackte und die Mauer einstürzte. Erst danach, wohl im 13. Jahrhundert, ist die heute noch bestehende Stadtmauer an der Abbruchkante des Stadthügels entlang aus dem heutigen Zwingerpark nach oben gemauert worden.

Wenn sich in der Auswertung die ersten Erkenntnisse der Grabung bestätigen, wird, wie Jutte Klug-Treppe meint, die Offenburger Stadtgeschichte in einigen Punkten neu geschrieben werden müssen.

Autor: Ralf Burgmaier