Großes Finale nach sechs Konzertstunden

Robert Ullmann

Von Robert Ullmann

Di, 21. März 2017

Offenburg

Im dritten Konzert zur Feier von 30 Jahren Offenburger Ensemble halten sich Unterhaltungswert und avancierte Positionen die Waage.

OFFENBURG. "Es ist vollbracht", möchte man rufen, und hinzufügen: "Es war grandios!" Am Samstag ging im Schillersaal das letzte der insgesamt drei Jubiläumskonzerte zum 30-jährigen Bestehen des Offenburger Ensembles über die Bühne, wie stets unter der Leitung und Moderation von Gerhard Möhringer-Gross. Inhalt: Jeweils vor und nach der Pause ein großes Werk, plus schmackhafte Hors d’Oeuvres.

Ein Hauptwerk war gewiss das Klarinettentrio aus dem Jahr 2010 des Finnen Magnus Lindberg, ein packendes Werk, zerklüftet, lyrisch, expressiv, hymnisch. In seiner Leidenschaftlichkeit erinnert es an große Kammermusik der Hochromantik: Liszts H-Moll-Sonate, Tschaikowskys Klavier-Trio, die späten Brahms-Quartette. Immer wieder steigt die Musik aufwärts, stürzt zurück, steigt von neuem, bis schließlich der Grat erreicht ist, in einem ungemein intensiven, hohen, ausgehaltenen Klarinettenton, ein innerlicher Schrei – nein, nicht des Triumphs! Es ist ein Schrei der Freiheit, des Glücks! Großartig, wie das Trio mit Markus Raus, Klarinette, Roman Kühn, Klavier, und Thomas Lukovich, Cello, das gestaltet, wie die Musiker das Dichte, Monolithische und ebenso das Filigrane, die feinen Schraffuren hörbar machen.

Dem voraus ging "Sternbild" von Otfried Büsing, Musik ganz anderer Art und nicht minder faszinierend. Büsing stellt den Klang der Bratsche (Rolf Schilli), einer Klarinette (Markus Raus) und einer Trompete, hier Stephan Börsig, nebeneinander. Das klingt sphärisch, überirdisch, eine Wirkung, die durch die silbrig-körperlösen Töne eines Glockenspiels (Mario Fritz) noch verstärkt wird.

Der Einstieg in den Abend war humorig. Die "Improvisation" des Kanadiers Claude Vivier kombiniert Fagott und Klavier. Das Fagott gibt vor, das Klavier von Uschi Groß gibt Echo. Das hat etwas stummfilmhaft Komisches. Es folgen grummelnde Fagottpassagen, hochexpressiv. Dann wird es ironisch-dräuend, ein übergroßer Gestus, der in gespielt martialischem "Rumms – Pruust"-Gesten endet. Das ist herrlich – und zumindest seitens des Fagotts richtig schwer zu spielen. Dabei bringt Annette Winker den Humor des Werks rüber, als wäre es kinderleicht.

Dem folgte ein Spaß von Wilfried Hiller, dem Komponisten der Michael-Ende-Opern, mit Wilhelms Buschs "Die feindlichen Nachbarn": Hier der Musikus auf seinem Cello, dort der Nachbar, den die Überei stört. Thomas Lukovich übt hingebungsvoll auf seinem Cello, Glissandi und durchdringend hohe Flageoletts. Die Schauspielerin Ursula Bengel als Nachbarin geht das auf den Hörnerv. In der folgenden Eskalation hetzt die so in ihrem Ohrenfrieden gestörte gar einen Stoffhund auf den Cellisten. Das enervierend hohe Gekläff wird auf dem Cello köstlich demonstriert. Busch wusste: "Musik wird störend oft empfunden, dieweil sie mit Geräusch verbunden."

Hard- und Heavy-Wucht im Kammermusikkonzert

Was für manchen der Konzertbesucher auf Moritz Eggerts "Riff" für zwei E-Gitarren durchaus zutraf, eine kenntnisreich zusammengestellte und fantastische dargebotene Reise durch die psychedelische Rockmusik in teils gewaltiger Lautstärke. Eggert scheint sie zu kennen: Jimi Hendrix und Jefferson Airplane, die Twin-Gitarren der Allman Brothers und von Lynyrd Skynyrd, die grellen Attacken John McLaughlins beim Mahavishnu Orchestra und ebenso den weit schwingenden Gitarrensound der Byrds sowie die Hard- und Heavy-Wucht von Deep Purple und Konsorten. Alles toll variiert, mit Loops und feinen Soundeffekten dargeboten vom Duo Schraeng alias Frank Wingold und dem Offenburger Ralf Beerkircher. Als Rockfan hat man daran echte Freude.

Was aus rund sechs Konzertstunden dieses Jubiläums im Gedächtnis bleibt: Dass bei der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts Qualität und Unterhaltungswert durchaus kompatibel sind. Und dass es gut tut, mit den von Gerhard Möhringer-Gross ausgewählten Programmen das Gehör aufzufrischen.