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13. September 2017

Gut 200 sind so frei und singen im Salmen

Ein "Querbeet-Spezial" am Freiheitstag ist Liedern von Freiheit und Demokratie gewidmet.

  1. Freiheitslieder am passenden Ort: Zum Freiheitstag gab es ein Querbeet-Spezial im Salmen. Foto: Peter Heck

OFFENBURG. Was haben der "Kleine grüne Kaktus" und der Gefangenenchor aus Verdis Oper "Nabucco" gemeinsam? Was verbindet den Schlager "Das bisschen Haushalt" mit dem "Heckerlied"? Für die Querbeet-Sänger am Montag im Offenburger Salmen vor allem zwei Dinge: Sie stehen für individuelle Freiheit, und es macht Spaß, sie zu singen.

Normalerweise treffen sich einmal im Monat gut hundert "Querbeet"-Sängerinnen und Sänger zum zwanglosen Singen mit Mechthild Fuchs und Stefan Böhm im KiK. Aus Anlass des Freiheitstages gab es am Montagabend ein "Querbeet-Spezial" mit Liedern für Freiheit und Demokratie im Offenburger Salmen, das gut doppelt so viel Publikum anzog, das zum Teil sogar aus Lahr angereist war. Die Atmosphäre ist locker, die Liedauswahl erfreulich undogmatisch (siehe oben), die Moderation humorig, aber nicht flapsig und die Liedbegleitung an Piano, Akkordeon und Gitarre eine echte Stütze für den Gesang. Es sind viele gute und routinierte Chorsänger dabei, aber auch Gelegenheitssänger, die Stefan Böhm zu Beginn ermuntert und ermahnt: "Auch ein falscher Ton stört uns nicht. Aber anstrengen müssen Sie sich schon". Natürlich ist der Abend eine politische Veranstaltung, aber keineswegs eine parteipolitische, auch wenn mit Georg Herweghs Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein ("Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will") oder der "Andren Wacht am Rhein" linke Symbolik beschworen wurde.

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Doch die beiden hinsichtlich der Liedauswahl erklärtermaßen undemokratisch agierenden Chorleiter Fuchs und Böhm schafften es, die historischen Lieder mit der notwendigen Distanz und angemessener Würdigung ihrer politischen Notwendigkeit zu präsentieren.

Der Soundtrack des Lebens vieler Mitsänger

Das liegt zum einen natürlich an der Mischung. Persönliche Freiheiten wie sie Hannes Wader in "Heute hier, morgen dort" besungen hat, oder Unangepasstheit an gesellschaftliche Normen, die Udo Jürgens in seinem "ehrenwerten Haus" ganz anders interpretiert als Edith Piaf in "Je ne regrette rien", ergänzen die politischen Lieder.

Nur historisch können die alten Arbeiterlieder aber nicht gewertet werden. Unschwer lässt sich das "Weberlied" auf heutige Produktionsbedingungen in Bangladesch übertragen, und das dem deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel gewidmete "Die Gedanken sind frei" ist angesichts von Verhaftungen kritischer Bürger in der Türkei oder Russland leider immer noch hoch aktuell.

Bis halb elf ging das Querbeet-Singen, das zum einen wirklich Spaß machte, zum anderen aber auch wie eine Selbstvergewisserung der bürgerlich-demokratischen Öffentlichkeit wirkte: Erinnerungen an Woodstock, an den amerikanischen Sezessionskrieg und die badische Anti-Kernkraft-Bewegung, an erst kürzlich durch bürgerschaftliches Engagement erreichte Erfolge wie den Offenburger Bahntunnel und natürlich an die Rolle Offenburgs im Vormärz bildeten den Soundtrack des Lebens vieler Mitsängerinnen und Mitsänger aus dem Publikum. Bei "We shall overcome" musste jedenfalls kaum jemand ins Liedblatt schauen.

Info: Das nächste Querbeet-Singen im KiK, Weingartenstraße 34c, findet statt am 8. November, 20 Uhr.

Eine weitere Veranstaltung zum Freiheitstag: 18. Oktober, Salmen: Wertsachen. Was uns zusammenhält. Diskussion über Meinungs- und Pressefreiheit mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras.

Autor: Juliana Eiland-Jung