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19. August 2017

Erinnerungen

Was der "Summer of Love" für Offenburger Persönlichkeiten bedeutete

Im Sommer des Jahres 1967 nahm die Hippie-Bewegung ihren Anfang – Offenburger Persönlichkeiten erzählen, was der „Summer of Love“ für sie bedeutet hat,

  1. Foto: adobe stock

  2. Liebe, Frieden, Flower-Power: Der Sommer des Jahres 1967 markiert den Beginn der Hippie-Bewegung. Foto: h368k742/Adobe.Stock

  3. Judith Sieferle Foto: Ralf Burgmaier

  4. Egon Ketterer Foto: Judith Reinbold

  5. Peter Oehler Foto: Freie Wähler

  6. Jess Haberer Foto: Christoph Breithaupt

  7. Karlheinz Kluge Foto: Christoph Breithaupt

  8. Loretta Bös Foto: Iris Rothe

OFFENBURG. Vor 50 Jahren, im Sommer 1967, nahm die Hippie-Bewegung ihren Anfang. Der sogenannte Summer of Love blieb auch in Offenburg nicht ohne Spuren – Moritz Lehmann hat einige Offenburger Persönlichkeiten dazu befragt, wie sie diesen Sommer erlebt haben und was dieser für ihr Leben bedeutet hat.

Egon Ketterer, 84, ehemaliger Sozialarbeiter: "Im Sommer 1967 war ich in München und habe ein Praktikum beim Jugendamt gemacht. Dort habe ich auch etwas von einer Gammler-Bewegung mitbekommen, die da im Gange war. Ich wurde in den Münchener Stadtteil Schwabing geschickt, um mir das näher anzuschauen. Das hat Spaß gemacht, es war eine lebendige Zeit. Ich konnte damals schon spüren, dass da etwas Neues kommt.

Das hat sich vor allem an der Buntheit der Menschen bemerkbar gemacht, alle kleideten sich sehr individuell und wollten ihren eigenen Stil finden. Aber gesellschaftlich hat sich damals noch nicht so viel verändert. Das ging erst in den 1970er Jahren los, als ich nach Offenburg kam: die Drogen, der Kulturkampf, die Unabhängigkeitsbewegung der Jugend. Die jungen Leute wollten ihr Leben selbst in die Hand nehmen, haben Häuser besetzt, es gab Remmidemmi nach dem Motto ’Macht kaputt, was euch kaputt macht’ und so weiter. Man strebte nach Unabhängigkeit vom Establishment.

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Da sind viele kreative Sachen passiert, im Nachhinein muss man sagen, dass nicht alles davon gut war. Aber damals war das gesellschaftliche Klima toleranter, als es heutzutage ist."

Loretta Bös, 60, SPD-Stadträtin und Gründerin des Kik im Kulturforum: "Im Sommer 1967 war ich erst zehn Jahre alt, den Summer of Love kenne ich also vor allem aus Erzählungen. Damals war man ja in dem Alter noch viel länger Kind, als das heutzutage der Fall ist. Heute sieht eine Zwölfjährige ja schon aus wie eine junge Frau. Aber in diesem Sommer hat vieles angefangen, was mich später beschäftigt hat. Mit dem Summer of Love verbinde ich vor allem Freiheit und das Aufbrechen verkrusteter Strukturen. Dieser Sommer hat den Weg geebnet für ein anderes Leben.

Wir konnten in Wohngemeinschaften leben, das war vorher ja nicht möglich. Wir konnten nach Griechenland trampen, um dort am Strand zu schlafen, was heute ja schon wieder aus der Mode gekommen ist. Jeder Schüler hat ja jetzt ein Auto zur Verfügung.

Mit den Drogen, die seit 1967 vermehrt aufgetreten sind, wollte ich nie etwas zu tun haben. Den Kleidungsstil der Hippies habe ich aber schon mitgemacht, Schlaghose und Felljacke getragen. So macht man das eben, wenn man jung ist."

Karlheinz Kluge, 65, Schriftsteller: "Ich erinnere mich daran, wie ich in diesem Sommer zusammen mit einem Freund die Boxen seiner Anlage auf den Balkon gestellt habe. Der wohnte damals in der Schwarzwaldstraße. Und dann haben wir ganz laut ’A Whiter Shade of Pale’ von Procol Harum gehört. Ich dachte damals: Jetzt muss irgendwas passieren, die Musik ist so gut.

Damals war ich 15 Jahre alt. Der Begriff der Revolution war mir noch nicht so geläufig, aber etwas in der Art hatte ich erwartet. Da war so ein Gefühl, dass dieser Song die Leute wach machen wird. Dass sie anfangen zu tanzen, rumzuhüpfen oder sich irgendwie zu bewegen. Ich hoffte, dass der Funke irgendwie überspringen würde. Aber die haben einfach weiter ihre Autos gewaschen. Es war ein Samstag. Die Leute haben nicht mal von uns verlangt, dass wir die Musik leiser machen. In den Jahren danach war ich schon irgendwie Teil dieser Hippie-Bewegung, mit Verzögerung.

Ich hatte mit 14 Jahren eine Lehre als Nachrichtentechniker bei der Firma Telefunken angefangen, die gibt es heute nicht mehr. Da wurde von mir ein Kurzhaarschnitt verlangt.

Natürlich besaß ich auch Schlaghosen und ein Hemd in Regenbogenfarben. Das war so knittrig, dass auch Bügeln nichts geholfen hat. Das hat meine Mutter sehr geärgert. Aber der Druck von außen war einfach zu groß, als dass ich mich getraut hätte, im Alltag so rumzulaufen. Mein Hippie-Dasein konnte ich erst nach Feierabend ausleben. Das war anders, als ich Anfang der 1970er Jahre nach Berlin gezogen war. Dort war das Klima toleranter, ich ließ mir die Haare lang wachsen. In Offenburg waren damals auch Drogen kein Thema, das habe ich erst in Berlin kennen gelernt."

Judith Sieferle, 62, aktiv im Frauenhaus Ortenau: "Im Sommer 1967 war ich zwölf Jahre alt. Damals war ich noch sehr unbedarft und harmlos. Ich habe keine richtigen Erinnerungen mehr an diesem Sommer, aber ich weiß, dass ich erst ein paar Jahre später ’erwacht’ bin. Erst als die Zeit mit der Zibold’schen Mühle am Stadtbuckel losging, da habe ich angefangen, mich für politische Dinge zu interessieren. In der Mühle haben wir dann unsere eigene Gegenkultur aufgebaut. Da haben sich alle gesammelt, die irgendwie dagegen waren. Wir haben viel gekifft und das Kapital von Karl Marx gelesen. Die Hippie-Bewegung hat auf jeden Fall meinen Kleidungsstil beeinflusst, ich trug Parkas und zerrissene Hosen. Ich bin damals auch immer beim ’Gammler-Brunnen’ am Marktplatz rumgehangen, wo heute das Eiscafé Zampolli ist. Das war für viele Offenburger ein Schandfleck. Mein Onkel war CDU-Stadtrat und hat zu mir gesagt: ’Wenn ich dich da sehe, dann kenne ich dich nicht.’ Wir haben die scheinbar heile Welt durcheinander gebracht. Alles, was mit Establishment zu tun hatte, ging für uns gar nicht. Wir trugen das Haar lang und ungekämmt und waren meistens barfuß unterwegs. Ich hatte an den Füßen dicke Hornhaut."

Peter Oehler, 65, Gitarrist und Musikredakteur bei Hitradio Ohr: "An den Sommer von 1967 kann ich mich gut erinnern. Diese Zeit hat natürlich mein Leben geprägt. In der Camargue, dem südfranzösischen Strandort Saintes-Maries-de la-Mer, bin ich zum ersten Mal mit Hippies in Berührung gekommen. Die haben da in den alten Bunkern am Strand, die den Krieg überdauert haben, den Sommer verbracht. Das hat mich sehr fasziniert, ich war damals 15 Jahre alt. Zum Hippe wurde ich selbst aber erst später. Ich habe eine Ausbildung zum Buchdrucker gemacht, um später studieren zu können. Meine Eltern wollten, dass ich Grafiker werde. Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich schon damals einfach mit der Gitarre losgezogen. Ich habe es als eine Zeit der großen Befreiung empfunden, von den Erwartungen der Eltern und der Gesellschaft. Und das spüre ich heute noch in mir drin."


Jess Haberer, 70, CDU-Stadtrat, Stammesführer bei den Pfadfindern und mehr: "1967 war das Jahr der Flower-Power-Hippie-Bewegung. Das machte sich zuerst am Kleidungsstil bemerkbar: grelle Hemden mit hochgestelltem Kragen, schräge Frisuren und Schlaghosen. Aber auch der Vietnamkrieg hat uns 1967 immer mehr in die Offensive gebracht, auch hier in Offenburg gab es gewalttätige Proteste. Damit wurden gewissermaßen die Vorbedingungen für 1969 geschaffen. Für mich stand aber besonders die Musik im Vordergrund. Ich war damals schon in der Beatmusik-Szene unterwegs, es gab eine Menge solcher Bands in Offenburg und in Lahr, 21 waren es insgesamt. Damals ging es um die Frage: Stones oder Beatles? Da gab es auch Konflikte zwischen den Fans. Ich war ganz klar für die Beatles. Wenn die eine neue Platte rausgebracht hatten, dann stand ich Montagfrüh beim Plattenladen und habe mir diese ungehört gekauft. Für mich war der Sommer von 1967 aber auch ein ganz persönlicher Sommer der Liebe. Da habe ich mich mit meiner heutigen Frau verlobt. Und ich war zum ersten Mal Stammesführer bei den Pfadfindern, weil mein Vorgänger überraschend verstorben war. Und der bin ich heute noch. 1967 hat für mich ein Lebensweg begonnen, über den ich heute sehr glücklich bin."

Info: Passend zum Thema zeigt das Forum Offenburg am Sonntag, 27. August, 17.30 Uhr die Musik-Dokumentation "It was fifty years ago today! The Beatles: Sgt. Pepper & Beyond". Vor 50 Jahren erschien die Platte, die die Beatles für immer verändern sollte und laut dem Musikmagazin Rolling Stone als das wichtigste der Rockgeschichte gilt. Mehr unter http://www.forumcinemas.de

Autor: mor