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17. Juni 2017

Im Wandertheater kann jeder alles

Bis ins Jahr 1800 reicht die Geschichte der ’Theaterfamilie Sperlich zurück – derzeit macht sie Station am Rammersweirer Kreisel.

  1. Foto: Karin Reimold

  2. Familienunternehmen: Bodo und Sylvia Sperlich (vorne) mit ihrem Sohn Stefan (v.l.) und seiner Frau Barbara, Tochter Ramona und Sohn Manuel und die Enkel Lisa, Shirley, Marco (Rabe), Michelle (Kleine Hexe), Danny und Josy. Unten links: Die Geschwister Michelle und Marco in den Hauptrollen. Unten rechts: Die kleine Hexe zauberte am Donnerstag tatsächlich ein echtes Gewitter herbei. Foto: Karin Reimold

  3. Foto: Karin Reimold

OFFENBURG. Wenn Sperlichs Märchentheater in die Stadt zieht, stehen vor allem Kinder staunend vor dem rot-weißen Zirkuszelt am Rammersweier Kreisel, wollen den Vorhang lupfen und hineinspickeln. Und dieser Blick lohnt sich allemal. Gerade spielt die Künstlerfamilie die "Kleine Hexe" von Otfried Preußler.

Das Stück

Besser hätte man das beliebte Stück an seiner Premiere am Donnerstag nicht inszenieren können. Drückende Hitze an diesem Nachmittag, im Theaterzelt überraschend angenehm. So wünschten sich die rund 40 Besucher, dass der kleinen Hexe zu Beginn der Vorführung ihr Zauberspruch bald gelingen würde. "Denn sie war schon den ganzen Tag dabei, Regen zu hexen", erklärte Abraxas, der Rabe, dem Publikum. "Hokus Pokus, Krötenei", hörte man eine junge Stimme aus dem Haus. Doch noch gelang es der Hauptfigur, alias Michelle Sperlich, noch nicht für eine schöne Abkühlung zu sorgen. Stattdessen wurde sie heimlich von der Wetterhexe Rumpumpel (Michelles Oma, Sylvia Sperlich) argwöhnisch beobachtet. Denn der bösen Hexe war es ein Graus zu sehen, dass das "junge Gemüse", nur Gutes für seine Mitmenschen im Sinn hatte. Dabei stand der kleinen Hexe doch das größte Ereignis, nämlich die Einladung auf den Blocksberg beim Hexenrat, bevor. Doch bis es soweit war, zeigte Abraxas (Marco Sperlich), den neugierigen Kindern in den Reihen, was sich bis dahin zugetragen hatte. Mit beeindruckenden Bühnenbildern, toller Tontechnik und überaus hervorragenden Schauspielern ist die Geschichte von Preußler sehr gelungen in Szene gesetzt und absolut sehenswert. Was der kleinen Hexe bis zur Pause nicht so recht gelingen wollte, setzte dann schlagartig wirklich ein. Ein Gewitter zog über den Spielort hinweg, Regen peitschte gegen die Zeltwand. Der Donner kam nicht nur aus dem Lautsprecher, als es die Protagonistin tatsächlich schaffte, den von der Oberhexe als unlösbare Prüfung gedachten Hexenspruch "auf Seite 1024 im oberen Drittel" zu kennen: Ein schweres Gewitter mit Kugelblitzen. Von Blitzen blieb das natürlich wetterfeste Zelt verschont, die Atmosphäre aber flimmerte unnachahmlich von der Bühne direkt ins Publikum. Großer Applaus und anerkennende Zurufe auch während des Stücks Zuschauern belohnten die Schauspieler nach dem eineinhalb Stunden langen Spiel.

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Die Schauspieler

Was das Publikum vielleicht nicht wusste: Da steht eine der größten Theaterfamilien Deutschlands auf der Bühne. Bis etwa 1800 reicht die Geschichte der Sperlichs zurück. Damals war es die Großmutter der heute 93-jährigen Adelheid, die Operetten auf den berühmten Berliner Bühnen spielte. Nach dem Krieg gründete Adelheid Sperlich das Wandertheater. Ihr Sohn Bodo, der heute das Familienoberhaupt der Reiseleute ist, wuchs quasi überall in Deutschland auf, immer dort, wo Sperlichs Märchentheater aufschlug. "Meine jüngste Schwester ist sogar in Offenburg geboren, als wir hier spielten. Das war vor 63 Jahren", erzählt Bodo, der seinen Beruf noch immer liebt. "Es gibt nichts Schöneres, als Menschen Freude zu bereiten!" Von Februar bis November sind die Schauspieler unterwegs, die seit mehr als 70 Jahren ihren festen Wohnsitz in Helmstedt in Niedersachsen haben. Doch während der Spielzeit lebt die 16-köpfige Großfamilie in ihrem Wagen-Dorf. Von Ort zu Ort rückt sie mit ihrem Badewagen, Küchen- und Waschwagen, Schlafwagen und fünf Toilettenwagen an. "Man muss zivilisiert leben, sonst hält man das nicht aus", erklärt Bodo. Den Umbau der Mobile machen die Sperlichs selbst – über Generationen hinweg. "Ich habe alles von meinem Vater gelernt, und mein Sohn und meine Enkel gucken es von mir ab."

Jeder, auch die Kinder, könne alles. Problemlos könnte man in einem Schlosser-, Schreiner- oder Fahrzeugbaubetrieb anfangen, sagt er stolz. "Das ist alles Sperlichs Eigenbau." Und das ist auch existentiell wichtig. Denn müssten sie zusätzlich Geld in Handwerker stecken, würde es knapp werden.

Die Tradition

Es ist ein hartes Geschäft, das sie mit viel Herzblut aufrechterhalten. "Es ist ein Beruf, den man lieben muss. Aus Geldgründen würde ich abraten", sagt er ehrlich. Doch diese Liebe ist zum Glück bei allen Sperlichs spürbar. Vier Generationen stehen auf der Bühne, jedes Kind kann die Rolle eines anderen. Für Ersatz ist also immer gesorgt. Das freut Großvater Bodo, der begeistert ist von Kindern und Enkeln. So hat der 22-jährige Manuel erstmals in der "Kleinen Hexe" die Regie übernommen, das Bühnenbild selbst entworfen und gemalt. Es sind eben Künstler. "Das steckt in der Familie drin. Das vererbt sich", weiß Bodo. So nähte schon Oma Adelheid die Kostüme, Puppenköpfe werden selbst gebastelt. Der leider früh verstorbene Opa konnte sogar Schuhe fertigen. "Er hat mir meine Hochzeitsschuhe gemacht", erzählt seine Frau Adelheid noch heute mit Stolz. Die ganze Verwandtschaft hat sich den Brettern dieser Welt verschrieben, spielt in München und Berlin und brennt für das Schauspiel. Und diese Leidenschaft strömt direkt von der Bühne in das Publikum hinab.

Märchentheater

Für Kinder ab 3 Jahren. Spielzeiten: "Kleine Hexe": Samstag, 17. Juni, um 17 Uhr, Sonntag, 18. Juni, 14 Uhr.
"Pippi Langstrumpf": Donnerstag, 22. Juni bis Samstag, 24. Juni um 17 Uhr, Sonntag, 25. Juni um 14 Uhr. Eintrittspreise: 15 Euro/Person. Donnerstag/Freitag Familientag: 10 Euro.

Info und Kontakt: Tel. 0159/0360 90 46 sowie http://www.sperlichsmaerchentheater.de
 

Autor: reim

Autor: Karin Reimold