In größter Sorge angesichts aktueller Kriegsgefahren

Barbara Puppe

Von Barbara Puppe

Di, 08. September 2015

Offenburg

Der Schauspieler Rolf Becker spricht in Offenburg zum Antikriegstag über die Krise in Griechenland und den Konflikt in der Ukraine .

OFFENBURG. Zum Antikriegstag – 1. September – haben die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA Ortenau), der Kreisverband Offenburg des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Ortsverband Offenburg am vergangenen Freitag zum Vortrag mit dem renommierten Hamburger Schauspieler und Synchronsprecher Rolf Becker eingeladen. "Wir wollten diesen Tag würdig begehen", sagte Alex Zollmann, Vorsitzender der VVN-BdA Ortenau, der den Schauspieler persönlich kennt und in die Ortenau eingeladen hatte. Dabei sollte es nicht nur darum gehen, die Vergangenheit zu reflektieren, sondern "auch die Zukunft mit zu sehen und die Kriegsgefahren, die in Griechenland und der Ukraine erkennbar sind."

Der VVN habe seit 1947 die Interessen der aus den KZ, Lagern und Straflagern kommenden Leute vertreten, jetzt vertrete er die Interessen derer, die von den heutigen Faschisten und Rechtsradikalen verfolgt werden und versuche, Menschen zu informieren und darüber aufzuklären, warum Flüchtlinge oder andere Personengruppen verfolgt werden, "die scheinbar irgendwie anders sind."

Rolf Becker ist bekannt für sein langjähriges umwelt-und friedenspolitisches Engagement. Die Länder, von denen er spricht, kennt er nicht aus der Sicht des Touristen, wie er betonte, sondern von persönlichen Kontakten mit Menschen, Betrieben und politischen Gruppierungen. Unter Lebensgefahr sei er beispielsweise im früheren Jugoslawien gewesen. In den vergangenen drei Jahren besuchte er auch dreimal Griechenland.

In seinem Vortrag verband Becker politische Fakten mit literarischen Texten und Gedichten. "Wenn wir an Griechenland denken, an die Inselwelt, Olympia, Delphi, vielleicht auch an Mythologie, Dichtung und Musik", werde kaum beachtet, dass der glanzvollen Antike und der Geburt der griechischen Demokratie im alten Athen mehr als 2000 Jahre Abhängigkeit und Fremdherrschaft folgten. 1821 begann ein achtjähriger Freiheitskampf der Griechen gegen die osmanische Herrschaft. Während des Zweiten Weltkrieges kam es zum Bürgenkrieg zwischen Royalisten, Konservativen, Nationalisten und Kommunisten, Tausende linksgerichtete Griechen flüchteten ins Exil, weit mehr wurden in Straf-und Umerziehungslagern interniert, misshandelt und gefoltert, darunter auch der Komponist Mikis Theodorakis, der 1967 anklagte: "Ein großes Verbrechen im kleinen Land und rund um die Welt bricht der Jugend das Herz." Es gab annähernd eine Million Tote infolge des Überfalls der Deutschen Wehrmacht, Tausende kamen im Bürgerkrieg um. Als Griechenland 1981 in die EU aufgenommen wurde, schien sich ein Aufschwung in der Wirtschaft anzubahnen, informiert Becker seine Zuhörer über die Entstehung der Wirtschaftskrise. Das änderte sich 1993 als sich Griechenland dem Maastricht-Vertrag anschloss, trotz der steigenden Verschuldung wurde 2001 der Euro eingeführt. 2008 begann die Krise. Becker verschwieg nicht die "miserable Rolle" der griechischen Oberschicht, insbesondere der Reeder: "In Griechenland zeigen sich die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Mängel des Europäischen Machtblocks, die mit der weltweiten Rezession von 2008/2009 zur Euro-Krise geführt haben." Was dort jetzt in der Krise sichtbar werde, bedrohe über kurz oder lang uns alle.

Im zweiten, kürzeren Teil seines Vortrages sprach er über das Interesse der USA im Ukraine-Konflikt, ein Zusammengehen der westeuropäischen Länder mit Russland zu verhindern und die Lücken im Baltikum in Richtung Nahost zu schließen. Er habe größte Sorge, dass aus dem kalten Krieg ein heißer Krieg werden könne, sagte der 80-jährige Schauspieler. Bei immer weiterem Aufrüsten der Nato halte er nicht für ausgeschlossen, "dass uns auf längere Sicht eine Auseinandersetzung droht, die die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges überbieten kann." Mit seinem Vortrag wolle er zum Verständnis der politischen Situation und zur Verständigung zwischen den Völkern beizutragen. "In dem Maße, wie diese Verständigung zustande kommt, kann sich auch die Politik auf Dauer nicht Maßnahmen verschließen, die zu einer menschlicheren Lösung der Probleme führen, als es derzeit der Fall ist."