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07. Juni 2010

Fest

Landesturnfest: Barrenkür im Gotteshaus

Kunstturner im Gotteshaus: So was gibt es wohl auch nur bei einem Landesturnfest in Offenburg.

  1. Kunstturner im Gotteshaus: So was gibt es wohl auch nur bei einem Landesturnfest in Offenburg. Foto: robert ullmann

  2. HipHop vom Feinsten wurde am Freitagabend geboten. Foto: rob

OFFENBURG. Es war Landesturnfest – und in Offenburg war richtig was los. Was nicht wundern sollte. Rund 14 000 Aktive – die meisten davon Jugendliche oder in jugendlichem Alter – und ihre Begleiter, ob Gatte, Gattin, Freundin, Freund oder Eltern, haben die Einwohnerzahl Offenburgs für vier Tage beträchtlich verstärkt, und sie wollten nicht nur turnen, sondern auch feiern.

Mega-Party: Am Freitagabend zum Beispiel wurde in Offenburg auf drei Floors getanzt, um in der Sprache der Jugendlichen zu bleiben. Auf dem Marktplatz gab es vor rund 4000 Gästen den Heilbronner Abend, der auf das Turnfest 2012 dort einstimmen sollte. Die Veranstaltung geriet jedoch durch die Band "Strahler" mit Rock und Schlagerm vom Bett im Kornfeld bis Daddy Cool zur definitiven Mega-Fete des Wochenendes. Zur selben Zeit blueste Miller’s Blues Orchestra vor kaum weniger Publikum auf der Rathausplatz-Bühne. Die "TuJu-Party" mit 1500 Turn-Jugendlichen gab es in der Baden-Arena.

Kabarett: Zeitgleich bot in der Oberrheinhalle der einstige Spitzenturner Alfred Lefebre mit seinen Partnern Heinz-Hermann Gerlach und Inge Harbeck einen Kabarettabend. Der ist immer dort wirklich gut, wo es körperlich wird. Etwa wenn der einstige Deutsche Meister und WM-Teilnehmer Lefebre sein tolles pantomimisches Talent und seine Sportlichkeit ins Spiel bringt. Wie er versucht, bei minus zehn Grad mit klammen Fingern eine Zigarette aus der Lederjacke zu fischen und sie dann bei Sturmwind anzuzünden – das ist klasse beobachtet und spielt sehr schön mit den typischen Gesten des Nikotinsüchtigen. Wie er dann vom Sturm getrieben an einer Tischkante hängen bleibt, alle vier in der Luft, als wäre er ein Stück Wäsche. Klasse. Eine Bank war der Wasserrohrbruch-Blues. Loch rechts oben zuhalten, dann links oben, dann zwei Löcher ganz weit seitlich, gleichzeitig Hähne zudrehen und Boden wischen – das ging Lefebre mit dem Publikum durch, erst langsam, dann immer schneller, Musik dazu – und fertig ist der schräge Discotanz. Das Publikum mischte begeistert mit. Etliche der Zuschauer betrachteten die Aufführung wohl als "Schnupperprogramm". Das ständige Kommen und Gehen störte doch sehr.

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Chillen: Für die "TuJu-Party" war die Band "Undercover" gebucht, mit Musik von Rock’n’Roll bis Robbie Williams. Die meisten der 1500 Karten waren schon bei der Anmeldung der einzelnen Turnergruppen zum Landesturnfest verkauft worden. Gabriel Nock und Marc Fath haben die Sache organisiert. Dass um Mitternacht Schluss war in der Baden-Arena, begründeten sie auch mit den Wettkämpfen. "Es ist eine Sportveranstaltung. Party gehört dazu, aber nicht bis morgens früh." Zu trinken gibt es Säfte, Cola, dergleichen. Das härteste Getränk in Sachen Alkohol ist Bier. In Offenburg fühlen sie sich prima aufgenommen, erklären Gabriel und Marc. "Es ist ein riesiges Treffen hier. Man kommt in Gruppen, trifft andere Gruppen. Teils kennt man sich von den Wettkämpfen her." Leute treffen, tagsüber im Wettkampf gegeneinander antreten, abends miteinander Fete machen, das sei ein Merkmal der Veranstaltung. Es zieht sich allerdings ein wenig, bis die Party Fahrt aufnimmt, da viele Besucher sich erst noch in der Stadt umschauen.

Manche, wie die 13-jährige Tina aus Ludwigsburg und ihre Freundinnen, wollen lieber "chillen" – also einen entspannten Abend verbringen. Sie sitzen vor dem H & M und plauschen und hoffen, ein paar nette Jungs kennenzulernen. Die Innenstadt finden sie toll, auch dass so viel los ist und es so warm ist. Zur Party wollen sie später, wenn es dunkel wird.

Abräumer: Sind auf dem Messegelände die Turner weitgehend unter sich, sieht das in der Stadt anders aus. Bei "Miller’s" und auf dem Marktplatz mischen die Offenburger kräftig mit. Auf dem Marktplatz stellt sich das Käthchen von Heilbronn vor, danach gibt es eine Stunde Tanz- und Showprogramm. Zu den Abräumern gehört die B-Boy-Company der DJK Aalen. "Wir kommen aus der Hip-Hop-Szene, haben früher ganz klassisch auf der Straße getanzt", erklären die vier Jungs, Emil, Eugen, Alex und Viktor. Bis sie bei der DJK Halle und Heimat fanden. Offenburg ist ihre zwölfte Veranstaltung dieser Art: "Tolle Innenstadt, super Organisation, kurze Wege, hübsche Mädels", bringen sie ihre Eindrücke auf den Punkt. Dass auf dem Marktplatz die Stimmung kocht, liegt an der Band "Strahler". Die treten auf in den Klamotten der Disco-Zeit: blaugeblümte Hosen, giftgrüne Hemden mit gelben Rüschen. Sie animieren das Publikum, lassen sie zur Probe quietschen und kreischen. Schon nach zehn Minuten tanzt alles auf dem Platz zu "Pretty Belinda" oder "SOS" von Abba.

Meditation: Kaum 50 Meter entfernt geht es besinnlicher zu. In der gut besuchten Heilig-Kreuz-Kirche findet ab 22 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst statt. Ein Gospelchor singt, die Geistlichen Bernhard Stahlberger und Stephan Müller sprechen davon, dass Tage wie diese Geschenke sind, und dass man sie annehmen und genießen darf, und Steven Mattner, der am Tag zuvor Badischer Vizemeister wurde, turnt in der Kirche eine Barren-Übung in völliger Stille. Turnen wird hier auch als Meditation empfunden, als ein Weg zu Gott.

Autor: Robert Ullmann