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15. November 2017

Museum öffnet ein Fenster zur Welt

Eine neue Abteilung im Dachgeschoss des Ritterhauses beleuchtet die Kolonialgeschichte / Offizielle Eröffnung am Freitag.

  1. Exponate zur Kolonialzeit, die von Freitag an im Ritterhaus zu sehen sind (v. l.): Tatuana-Maske (Südsee, um 1900), chinesischer Regenmantel aus Stroh (China, 19. Jahrhundert), Puppe mit Bollenhut (Schwarzwald, 1950-60er Jahre) und eine Leier aus Ostafrika (um 1900). Foto: Karl Schlessmann

  2. Foto: Karl Schlessmann

  3. Foto: Karl Schlessmann

OFFENBURG. Im Ritterhaus-Museum öffnet sich "Ein Fenster zur Welt". So nennen die Museumsmacher die neue kolonialgeschichtliche Abteilung, die die Zeit der deutschen Kolonien in Afrika, China und der Südsee thematisiert und kritisch beleuchtet. Für die Dauerausstellung kann das Museum aus einem großen ethnografischen Bestand schöpfen, der um Leihgaben aus der Bevölkerung bereichert wird. Bei der Eröffnung am Freitagabend wird auch eine Druck-Serie der Künstlerin Angelika Nain zur Kolonialzeit erstmals gezeigt.

Es ist die fünfte von sechs Abteilungen, die seit Beginn der Museumsmodernisierung 2012 an den Start geht. Konzipiert wurde sie im Museum selbst von Anne Junk, Susanne Leidendecker (beide Ethnologinnen) und Nadine Rau (Museumspädagogin), denen Museumschef Wolfgang Gall viel Sachverstand bescheinigt: "Die Teamarbeit war nicht nur gestalterisch sehr aufwändig, sondern auch, weil viele Recherchen zu neuen Objekten nötig waren." Bewährt hat sich auch ein Aufruf an die Bevölkerung, der zahlreiche Ausstellungsstücke als Dauerleihgabe zur Abrundung der Schau erbrachte.

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Museumsgründer Carl Frowin Mayer jedenfalls hätte seine Freude gehabt am "Fenster zur Welt", hat er doch selbst von 1884 bis 1917 begeistert fremde Dinge aus aller Welt zusammengetragen. Ein Anhänger des Kolonialsystems soll er nicht gewesen sein, wohl aber ein leidenschaftlicher Sammler. So öffnete schon er seinem Offenburger Publikum Fenster in eine Welt, die damals ja noch ohne Fernsehen oder gar Internet auskommen musste. Dafür gab es zum Beispiel "Völkerschauen", wie Susanne Leiendecker an Fotos in der Ausstellung deutlich macht – Frauen aus der Südsee, aber auch Behausungen oder exotische Tiere wurden aus Kolonien in die Heimat geholt und zur Unterhaltung herumgezeigt.

Für Museumschef Gall passt die Ausstellung bestens ins Konzept: "Wir wollen ja nicht nur ein Regionalmuseum sein, sondern auch über die Region hinaus schauen und zeigen, dass regionale und globale Geschichte eng verknüpft sind."Das gelingt mit einem Blick in die Kolonialzeit ganz besonders, sind ihre Folgen doch bis heute unübersehbar. Dabei war Deutschland, wie Museumskuratorin Anne Junk bei einem Rundgang erläutert, eine "verspätete" Kolonialmacht. Spanien, Frankreich, Portugal, vor allem aber auch England hatten längst ihre Schutzgebiete in Übersee, während Deutschland noch in Fürstentümer zersplittert war. Mit der Gründung des Deutschen Reichs 1871 wuchs auch das Weltmachtstreben – schön abzulesen auf einer in der Ausstellung als Leihgabe gezeigten "Reichs-Colonial-Uhr" mit dem Schriftzug: "Kein Sonnenuntergang in unserem Reich" überm Zifferblatt. Bismarck sei zunächst sehr zögerlich gewesen, was einen Einstieg in den imperialen Wettkampf anging, so Anne Junk. Aber Kaufleute, Mission und letztlich auch wahltechnische Gründe hätten ihn dann bewogen, eigene Schutzgebiete in Übersee zu schaffen: Es ging um neue Absatzmärkte, um Rohstoffe, militärische Stützpunkte, aber auch die Sicherung neuer Siedlungszonen.

Dass die damals angelegten völkerkundlichen Sammlungen heute als heikles Erbe eingestuft werden, macht die neue Dauerausstellung nicht weniger lehrreich. Gelungen integriert sind auch Objekte, die für Offenburger alte Bekannte sind, etwa die teils grausame Jagdtrophäen-Sammlung des Ehepaares Gretchen und Hermann Cron oder das seit dem spektakulären Diebstahl von 2012 hornlose Nashorn. Ein Besuch lohnt sich auch mit Kindern, für die es besondere Angebote und Erläuterungen gibt.

"Ein Fenster zur Welt"

Eröffnung: Die neue kolonialgeschichtliche Sammlung wird diesen Freitag, 17. November, um 19 Uhr durch Kulturchefin Carmen Lötsch sowie Wolfgang Gall und Anne Junk vom Museum eröffnet. Eine Band gambischer Flüchtlinge sorgt für die musikalische Umrahmung.
Begleitprogramm: Die Museumspädagogik hat Angebote für Kindergärten, Vorschulen und Schulen vorbereitet. Es gibt Kurse für Kinder, Führungen für Senioren und Familien und Vorträge.

Alle Infos auf der Homepage zu Ausstellung: http://mehr.bz/kolonial
 

Autor: hsl

Autor: Helmut Seller