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12. März 2010
"Nur wer frei arbeitet, kann sich entwickeln"
LEUTE IN DER STADT: Künstler Dieter Werres wird heute 70.
OFFENBURG. Fast jeder in Offenburg kennt die Vögel aus Bronze, die unübersehbar auf dem Platz vor dem Rathaus stehen. An dem Rabenpaar erfreuen sich nicht nur die Kinder, ob sie nun darauf turnen oder sie als Karussell nutzen, auch Erwachsene setzen sich gerne zum Ausruhen auf den Sockel und drehen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, auch mal schnell eine Runde. Die Vögel sind zum heimlichen Wahrzeichen der Stadt avanciert, und nicht selten fragen Besucher bei Stadtführungen, ob sie ein Symbol für ein stadtgeschichtliches Ereignis sind.
Die Antwort hierauf kann nur der Künstler geben – oder besser gesagt und zum Werk passend, das Künstlerehepaar Ingrid und Dieter Werres. Dieter, auch unter dem Künstlernamen "Didier" bekannt, feiert heute seinen 70. Geburtstag.
Wahl der Figur habe keinen geschichtlichen Hintergrund, die Vögel seien von Anfang an nicht nur als Kunstobjekt sondern auch als Spielgerät gedacht gewesen, eine Verbindung von Kunst, Spiel und Freude. In "Atelier im Hof" in der Gymnasiumstraße tummeln sich viele skurrile Tiere und Personen aus Ton. Der bodenständige Ton ist das bevorzugte Material von Werres: "Seine Weichheit am Anfang, seine Härte am Ende sind faszinierend und fordern bei der Arbeit die ganze Energie. Dazwischen liegen, wie im Leben, Misserfolg, der traurig macht, und Freude über ein gelungenes Werk".
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Im denkmalgeschützten Haus aus dem 18. Jahrhundert, mit viel Liebe und Sachverstand renoviert, befindet sich auch die Wohnung der Familie. Die Ateliertür ist immer offen und lädt ein, den Künstlern bei der Arbeit zuzuschauen, Fragen zu stellen und die Exponate zu bewundern. Bei einem Spaziergang rund um den Gifizsee beobachteten Ingrid und Dieter Werres die putzigen Hängebauchschweine, nahmen sie als Vorlage und übertrugen ihnen menschliche Eigenschaften, versehen mit einer Portion Ironie. So entstanden die begehrten Figuren der fliegenden und tanzenden Schweine und das an sich plumpe Tier erhält eine unübertreffliche Eleganz. Aus den Vogelvasen entwickelten sich die Vögel, die zusammen mit anderen Tieren verträumt, verspielt, witzig und hintersinnig daherkommen. Wie sehr die Stadt sich mit den Werres-Vögeln identifiziert, zeigt sie, in dem sie bei festlichen Anlässen in den Partnerstädten kleine Nachbildungen verschenkt. Dieter Werres, geboren in Freiburg, studierte an der Hochschule für Bildende Kunst in Berlin Malerei und Radiertechnik. Nach zwanzig Jahren künstlerischer Tätigkeit in Berlin mit einem eigenen Atelier zog er nach Cuxhaven. Zusammen mit seiner damaligen Frau bewohnte er ein altes Bauernhaus und entwickelte seine Radierungen erfolgreich weiter. Nach Offenburg kam der Künstler, weil seine Frau hier eine Arztpraxis übernommen hatte. Nach der Trennung von ihr richtete sich Dieter Werres ein Atelier in einem Gebäude an der Unionbrücke ein.
In seiner Frau Ingrid, die ebenfalls Malerei studiert hatte, fand er eine Gleichgesinnte. Um ihr Lebensmotto – einfach, bescheiden und doch fröhlich – zu demonstrieren, trugen beide bei der Hochzeit Holzschuhe und rote Klamotten. Nach diesem Motto wurden auch ihre beiden Töchter und der Sohn erzogen. Die Eltern sind stolz darauf, dass alle drei studieren, und sind keineswegs traurig, dass sie sich nicht der Kunst zugewandt haben.
Eine Rollenaufteilung hat es für das Ehepaar nie gegeben, das heißt jeder arbeitet am künstlerischen Projekt des anderen mit, ist zuständig für die Erziehung der Kinder und übernimmt die Hausarbeit – ein hoher Zufriedenheitsgrad sei das Ergebnis.
Sobald die Rede auf Nachahmer seiner Werke kommt, reagiert Dieter Werres mit Verärgerung: "Das ist Ideenklau". Was ihn am meisten auf die Palme bringt, ist die oft miserable handwerkliche Qualität, denn er selbst legt hier für sich einen ho-hen Maßstab an. Eine Zusammenarbeit mit Ausstellern und Galeristen lehnt Dieter Werres ab, er habe auch nie den Weg des Kunsterziehers in Erwägung gezogen. Unabhängig zu sein, darauf legt er großen Wert: "Nur wer frei arbeitet, kann sich entwickeln".
Ein Auto steht nicht vor der Tür, und für Urlaub bleibt auch nicht viel Zeit. Aber eine Reise nach Venedig, ein Ge-schenk der Kinder, hat das Ehepaar sehr genossen. Ehrlich gegenüber sich selbst sein, sich selbst erleben, das ist für den 70-Jährigen Selbstbewusstsein. Fit hält er sich bei seiner täglichen Radtour. Das Geburtstagsgeschenk könnte da nicht passender sein: Ein Fahrrad – komplett weiß und technisch hochwertig. Da bleibt nur noch ein Wunsch zum Geburtstag: So fit bleiben wie bisher, um das Leben genießen zu können.
Autor: Rosel Kesel
