Offen für glückliche Zufälle

Bernd Peters

Von Bernd Peters

Di, 15. Januar 2019

Rock & Pop

Der Musiker, Liedermacher und Geschichtenerzähler Roger Stein tritt in Rheinfelden und bald auch in Offenburg auf.

Roger Stein gibt sich gern dem Zufall hin. Ein schönes Beispiel ist die Geschichte, wie er zum Foto vorn auf seiner neuen CD "Alles vor dem aber" gekommen ist. Was da entfernt in etwa so aussieht wie ein Berg Kokain, aus dem der Künstler gerade zufrieden den Kopf hebt, ist in Wirklichkeit nur ein Frotteehandtuch, mit dem Stein sich am Ende einer Foto-Session das Gesicht abwischte. "Wir wollten mal was anderes als immer nur ein Bild am Klavier, also bekam ich die Tasten auf den nackten Oberkörper gemalt", erzählt der 43-jährige, am Zürichsee geborene Autor, Pianist, Sänger und Kabarettist. Das war der Plan. Aber dann entstand das Foto beim Abschminken. "Und wir fanden dann, dass das Fragen aufwirft", so Stein. "Und deswegen haben wir das Foto dann am Ende genommen. Nicht weil es schön aussieht, sondern weil es Fragen aufwirft."

Man muss den Pfeil

loslassen können

Die Geschichte drückt ein wenig aus, wie Stein dem Leben begegnet: "Der Zufall und das Glück sind gute Begleiter im Leben", sagt der Wahl-Berliner. "Sie begleiten einen öfter, wenn man fleißig ist. Man muss sich aber drauf einlassen können! Wenn man mit dem Zufall plant, dann wird man nicht so enttäuscht, wenn Dinge anders kommen als man eigentlich möchte." Mit seinen Liedern sei das nicht anders. Schreiben sei ein Dialog, und am Ende komme bei einer Platte oft etwas anderes heraus als ursprünglich vorgesehen. "Text und Musik sagen einem ja, was sie wollen. Ich merke oft: Wenn ich ein Lied machen ’will’, dann wird es schlecht. Wenn ich es entstehen und passieren lasse, wird es gut. Man muss den Pfeil auch loslassen können beim Bogenschießen."

Stein ist ein Mann, der in seinen Liedern geschliffen und gepfeffert formulieren kann. Mit am bekanntesten wurde er damit neben seiner Arbeit im Duo Wortfront zusammen mit seiner Partnerin Sandra Kreisler vor allem mit seinem Song "Reihenhausgesicht", einer ebenso witzigen wie gnadenlosen Abrechnung mit einer Verflossenen. Dieser humorigen Seite des Künstlers stellt sich auf der aktuellen Platte "Detlef" zur Seite, der mit knapp 35 Jahren immer noch daheim wohnt, als Programmierer arbeitet und dem sich die Frauen reihenweise aus Mitleid an den Hals werfen, nur um festzustellen, dass bei aller Hingabe doch kein Märchenprinz aus diesem Frosch wird. Stein liebt diese Provokation: "Wenn ich das im Konzert spiele, lachen immer erst die Frauen. Und die Männer schauen dann etwas zeitversetzt ihre Frauen kritisch von der Seite an."

Doch der studierte und promovierte Musiker, Liedermacher und Geschichtenerzähler, der neben Konstantin Wecker und seinem verstorbenen Schwiegervater Georg Kreisler auch Autoren wie Wilhelm Busch, Erich Kästner oder Kurt Tucholsky zu seinen Einflüssen und Vorbildern zählt, kann freilich nicht nur scharfzüngig, sondern auch philosophisch und emotional aufgeladen formulieren. Sein aktuelles Album, welches die zweite Produktion ist, die Stein auf Konstantin Weckers Platten-Label Sturm & Klang veröffentlicht, beginnt mit der eher nach innen gerichteten, nachdenklichen Ballade "Glück" und der Frage, woran man Glück denn messen kann.

Eine Poesie, für die es freilich mehr braucht, als das Warten auf den Zufall beim Komponieren, selbst wenn der Song wie auch die Geschichte von "Detlef" schnell entstanden sind, wie Stein betont. Kreativität habe vielmehr auch zu tun mit der Frage, wie oft man am Tag denn am Klavier sitzt, gibt Roger Stein zu bedenken. Sprich: Ohne den bereits zitierten Fleiß bei der Arbeit stellen sich Glück und Zufall auch nicht einfach so ein. Der CD-Titelsong "Alles vor dem Aber" sei dafür ein gutes Beispiel. "Dieses immer wieder gehörte ’Aber’ mit dem alles vorher Gesagte weggewischt wird, hat mich schon lang beschäftigt", sagt Roger Stein. Das Lied, das er daraus geschaffen hat, spiegelt eine weitere Überzeugung wider, die seinem offenen Wesen entspricht: "Das Leben macht einfach keinen Spaß mit engen Herzen", ist Roger Stein überzeugt. Eine Sicht, die er nur zu gern auf der Bühne mit seinem Publikum teilt – wie diese Woche in Rheinfelden.

Roger Stein: "Alles vor dem Aber" (Sturm & Klang). Auftritte: "Rheinfelder Lachnacht", Do, 17. Januar, Rheinfelden, Bürgersaal im Rathaus, 20 Uhr; Do, 16. Mai, Offenburg, Reithalle im Kulturforum, 20 Uhr.