Blockiertes Schiff

Offenburgerin hilft auf dem vor Malta ausharrenden Sea-Eye-Schiff

Helmut Seller

Von Helmut Seller

Mo, 07. Januar 2019 um 20:42 Uhr

Offenburg

Die Lage an Bord des Flüchtlingsschiffs vor Malta verschlechtert sich zusehends. Angelika Nain aus Offenburg ist Teil der Crew. Ihren Einsatz im Mittelmeer hat sie noch keine Sekunde bereut.

Mit jedem Tag spitzt sich die Situation zu: Weit mehr als eine Woche dauert die Blockade der unter deutscher Flagge fahrenden "Professor Albrecht Penck" vor Malta. Für 17 im Mittelmeer vor Libyen gerettete Menschen fehlt es an Platz. Die Wasservorräte sind bereits rationiert. Auch für die 18 Besatzungsmitglieder wird die Lage immer heikler. Zu ihnen zählt die Ortenauer Künstlerin Angelika Nain. Am Telefon berichtet sie der BZ von Bord des Flüchtlingsrettungsschiffs der Organisation "Sea Eye", auf dem sie mithilft.

Den Anblick morgens um 7 Uhr am 29. Dezember wird Angelika Nain wohl nie mehr vergessen: Von Bord der "Professor Albrecht Penck" ist 27 Seemeilen vor Libyen weit und breit nur Wasser zu sehen – und dann plötzlich ein winziger Punkt am Horizont. Wie sich beim Näherkommen zeigt, ist es ein kleines hellblaues Fischerboot aus Holz, gebaut für vielleicht ein halbes Dutzend Passagiere.

"Sie waren seit Mitternacht unterwegs und nach sieben Stunden auf hoher See völlig unterkühlt" Angelika Nain
An Bord aber drängen sich 17 Menschen: Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern Afrikas, 16 Männer und eine Frau. "Sie waren seit Mitternacht unterwegs und nach sieben Stunden auf hoher See völlig unterkühlt", schildert Angelika Nain. Die im Boot ausharrenden Menschen wie sonst üblich nur mit Schwimmwesten und Wasser zu versorgen, bis Hilfe kommt, wäre unverantwortlich. Also werden sie an Bord geholt – obwohl das nach einem Geowissenschaftler benannte frühere Forschungsschiff "Professor Albrecht Penck" dafür eigentlich gar nicht ausgerüstet ist.

Die Retter um Kapitän Klaus Merkle und Einsatzleiter Jan Ribbeck verständigen die Seenotleitstelle in Rom und in Bremen. Von dort ergeht die Anweisung, die Geretteten an die libysche Küstenwache zu übergeben. Deren Schiff hat weder eine eindeutige Kennung, fährt ohne Nationalflagge und mit Besatzung ohne Uniform. Dem Befehl des Schiffsführers "Give me all the People" kommt die Crew mit Verweis auf die Genfer Flüchtlingskonventionen nicht nach. Darauf hin ergeht aus Libyen die, laut "Sea Eye" rechtlich unbegründete Aufforderung, die Such- und Rettungszone zu verlassen. Die "Professor" setzt kurz Richtung Malta.

Auswärtige Amt bescheinigt rechtlich konformes Verhalten

Dass dann die maltesische Hafenbehörde zunächst den Aufenthalt in der Such- und Rettungszone untersagt, entbehrt aus Sicht von Sea-Eye jeder Grundlage. Auch das Auswärtige Amt, mit dem die Crew seit der Rettung in Kontakt steht, bescheinigt ihr "rechtlich konformes Verhalten". Weil das Wetter stürmisch wird, darf sich die "Professor" nun bis an die Drei-Meilen-Zone vor Malta nähern. Dort kommt es in der Nacht zum 3. Januar zu einem Sturm.

"Wir hatten ganz heftiges Wetter mit vier Meter hohen Wellen", erzählt Angelika Nain. Die Geretteten, die achtern in einem Container und in einem Medizinraum untergebracht sind, werden unter Deck gebracht. Sie schlafen auf Matten auf dem Boden und müssen sich eine Toilette teilen. Viele leiden an Seekrankheit – auch Angelika Nain. "Ich habe Horror davor", sagt sie im BZ-Gespräch, das am Montag bei spiegelglatter See stattfindet. "Aber morgen Abend soll das Wetter wieder schlechter werden."

Dass die Lebensmittel- und Wasservorräte an Bord rationiert werden müssen, nicht geduscht werden kann und auch keine Wechselkleidung zur Verfügung steht, macht die Situation nicht einfacher.

"Wir sind uns alle einig dass wir das Richtige tun."Angelika Nain
Doch die internationale Politik beeindruckt das alles wenig. Zwar hat die Bundesregierung rasch entschieden, dass sie sich an einer Aufnahme der geretteten Menschen im Rahmen einer europäischen Lösung beteiligen will. Auch die Niederlande machen mit, wenn sich auch andere Länder zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit erklären. Doch bei Redaktionsschluss am späten Montagabend war ein Durchbruch nicht in Sicht. So kreuzt das Sea-Eye-Schiff weiter vor Malta, trifft immer wieder auch auf die "Sea-Watch 3", wo bereits seit 22. Dezember 32 Flüchtlinge samt Crew ausharren müssen und die Lage nicht weniger prekär ist. "Das Thema kann man nicht hier auf dem Mittelmeer lassen", sagt Angelika Nain, die auch von Zwischenlösungen wenig hält: "Das muss europaweit und nachhaltig gelöst werden."

Zwangsaufenthalt auf dem Mittelmeer

Weil sie nicht länger tatenlos mit ansehen wollte, wie unzählige Menschen auf dem Mittelmeer ihr Leben lassen, hat sie sich zum Engagement bei Sea Eye entschlossen. Schon am 15. Dezember hat sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Jürgen Drafehn im südspanischen Algeciras die "Professor" bestiegen. Dass daraus ein Zwangsaufenthalt auf dem Mittelmeer werden würde und sie sich aktuell mitunter "wie von der Welt abgehängt" fühlt, hat sie nicht erwartet.

Abgesehen davon, dass die Situation an Bord mit jedem Tag schwerer wird, drängt bei vielen Crew-Mitglieder auch die Zeit.

Laut Sea-Eye können zwei Ärzte ihren Dienst in Deutschland nicht antreten, ein Student kann seine Masterarbeit nicht einreichen, bei anderen warten die Angehörigen sehnsüchtig auf eine Rückkehr. "Ich müsste eigentlich nächste Woche auch wieder in Offenburg unterrichten", sagt Angelika Nain, die an der Kunstschule als Dozentin arbeitet. Einen Rückflug hat sie zum Glück noch nicht gebucht – auch weil unklar war, wo die Rettungs-Reise enden wird.

Bereut hat sie ihren ehrenamtlichen Einsatz für Sea-Eye bisher dennoch keine Sekunde: "Wir sind uns hier alle einig, dass wir das Richtige tun."
Sea-Eye

Fragt man Angelika Nain, die in Offenburg vor allem als Künstlerin und Kunstschuldozentin bekannt ist und sich seit vielen Jahren auch beim Hohberger Verein Gambia-Afrika-Hilfe engagiert nach ihrem Wunsch an die Daheimgebliebenen in der Ortenau, dann muss sie nicht lange überlegen: "Sie sollen sich über Sea-Eye informieren, ihre Meinung sagen und, wo es nur geht, politischen Einfluss nehmen." Sea-Eye wurde im Herbst 2015 von Michael Buschheuer mit seiner Familie und Freunden als gemeinnützige Organisation gegründet. Hauptziel ist die Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge auf ihrer lebensgefährlichen Flucht nach Europa. "Menschen ertrinken zu lassen bedeutet moralisches Versagen und ist durch nichts zu rechtfertigen", sagt Buschheuer. Von den Sea-Eye-Crews konnten nach Angaben der Hilfsorganisation bislang 14 395 Menschen vor dem Ertrinken gerettet werden. Weitere Infos unter https: //sea-eye.org