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04. August 2017 20:16 Uhr

Flüchtlingsboote

Offenburgerin hilft bei Rettung auf hoher See

Die Offenburgerin Susanne Steuber hilft mit der Organisation "Sea Eye", in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten. Kurz vor ihrem kommenden Einsatz berichtet sie über ihre ehrenamtliche Arbeit.

  1. Die „Sea-Eye“ hilft Flüchtlingen in Seenot. Foto: sea-eye.org

  2. Susanne Steuber Foto: Christine Storck-Haupt

Mit einer Reportage fing alles an. Im vergangenen Jahr hatte Susanne Steuber einen Beitrag über die Seenotrettungs-Initiative "Sea-Eye" gesehen. Sie beschloss, mitzuhelfen, Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu bewahren. "Ich musste es einfach tun", sagt sie. An diesem Samstag bricht die 49-jährige Offenburgerin zu ihrer zweiten Mission auf und tauscht ihren Arbeitsplatz beim Landratsamt für vier Wochen gegen einen Einsatzort vor der libyschen Küste.

Ihre Motivation erklärt Susanne Steuber mit einem einfachen Satz: "Man darf die Menschen nicht ertrinken lassen." Das sei für die meisten, die von Schleppern in Nordafrika in wackelige Schlauchboote verfrachtet und aufs Mittelmeer in Richtung Italien geschickt werden, unausweichliches Schicksal. Zu viele Personen auf zu kleinen Booten, die zum Teil ohne Motor einfach auf dem Wasser herumtreiben. Da sei die Katastrophe vorprogrammiert.

Rettungsschiff "Sea-Eye" nimmt selbst keine Hilfsbedürftigen auf

Letzten September war Steuber das erste Mal mit der Organisation "Sea-Eye" vor der libyschen Küste unterwegs, immer auf der Suche nach Flüchtlingen in Seenot. Zwar ist das gleichnamige Rettungsschiff "Sea Eye", ein ehemaliger Fischkutter mit einer Länge von 26 Metern, selbst nicht in der Lage, Hilfsbedürftige aufzunehmen. "Wir versorgen sie aber mit Schwimmwesten und Wasser und können die Boote mit Rettungsinseln entlasten. Schwer Verletzte werden an Board der Sea-Eye versorgt", sagt die 49-Jährige.

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Gleichzeitig setzt der Kapitän einen Funkspruch an die Seenotleitstelle Mittelmeer in Rom ab. Von dort aus werden alle Schiffe alarmiert, die sich in der Nähe des Flüchtlingsbootes befinden. Das Seerecht sieht vor, dass diese verpflichtet sind, zu helfen. Auf diesem Weg hat die Organisation "Sea-Eye", die seit dem Frühjahr 2016 im Einsatz ist, über 12 000 Menschen aus Seenot gerettet.

"Man darf die Menschen nicht ertrinken lassen."

Susanne Steuber
Zwei Wochen dauert ein Einsatz normalerweise, wegen Motorproblemen waren es für Susanne Steuber im September jedoch nur sechs Tage auf See. Die restliche Zeit bestand aus Warten und dem Herrichten des Schiffes an der Basis auf Malta. Als sie dann losfuhren und vor der libyschen Küste auf ein Schlauchboot mit 124 Flüchtlingen stießen, ging alles sehr schnell. 15 Menschen waren bereits ins Wasser gefallen, zwei musste das Rettungsteam in ihr eigenes Beiboot ziehen, mit dem sie sich von der "Sea-Eye" aus dem Fundort näherten. Einer von ihnen, ein junger Mann aus Nigeria, war gerade mal 15 Jahre alt.

Bei gutem Wetter sind mehr Flüchtlingsboote unterwegs

"Es ist aber nichts passiert, die Menschen waren erst rund sechs Stunden auf dem Boot", erinnert sich Susanne Steuber. Ihre Aufgabe bestand darin, vom Beiboot aus die Menschen anzusprechen und zu erklären, was ihr Team vorhat. "Wir nähern uns immer von hinten, das ist sicherer. Wichtig ist, dass sie Ruhe bewahren und sitzen bleiben, wenn das Boot überfüllt ist", sagt sie. Gott sei Dank habe die Aktion funktioniert. Ein irisches Kriegsschiff, das in der Nähe war, habe alle wenig später aufgenommen.

Natürlich können die wechselnden Helfer-Crews auch schlimmere Zustände vorfinden – vor allem bei gutem Wetter ist es möglich, auf gleich mehrere Flüchtlingsboote zu treffen. Oder Ertrinkende dann doch nicht mehr rechtzeitig zu erreichen. "Bei rauer See, Regen oder Nordwind hingegen passiert nicht viel", so die 49-Jährige. Von der Organisation werden die Ehrenamtlichen geschult und begleitet. Auch der Malteser Hilfsdienst bietet psychologische Unterstützung an, um die Einsätze zu verarbeiten.

Susanne Steuber ist aufgeregter als beim ersten Mal

"Diese Aufgabe auf dem Wasser passt zu mir", ist Susanne Steuber überzeugt. Die gelernte Vermessungsingenieurin ist neben ihrem Brotberuf im Landratsamt noch beim THW in Kehl als Bootsführerin, Fahrerin für Gerätekraftwagen sowie als Ausbildungsbeauftragte tätig. Sie habe sich immer schon mit dem Element Wasser verbunden gefühlt und früh beim DLRG eine Ausbildung zur Rettungsschwimmerin abgelegt. Angst habe sie keine: "Ich vertraue auf unser Schiff und die Technik. Es gibt auch für uns im Notfall so viele Rettungsmöglichkeiten."

"Schleuser sind Mörder und gewissenlose Geschäftemacher." Hans-Peter Buschheuer
Gleichwohl sei sie jetzt kurz vor dem Abflug nach Malta aufgeregter als beim ersten Mal: "Die Zustände dort sind heute kritischer." Mehr Flüchtlingsboote, die immer instabiler werden, dazu die oft prekäre Situation mit der Küstenwache vor der libyschen Küste, die oft selbst kriminell sei und teilweise mit den Schleppern zusammenarbeite. "Es wurde sogar schon auf Hilfsschiffe geschossen", sagt Susanne Steuber. Trotzdem sei das alles kein Grund für sie, zu Hause zu bleiben. Zu groß ist ihr Drang, dem Elend der Flüchtlinge etwas entgegenzusetzen. "Letzten September konnte ich nur einem Boot in Seenot helfen. Das kann nicht alles gewesen sein."

Sea-Eye-Pressesprecher zu den jügsten Vorwürfen gegen NGO

Die Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), die Seenotrettung betreiben, sehen sich in diesen Tagen wieder vermehrt Kritik ausgesetzt. Ihnen wird vorgeworfen, Schleusern direkt oder zumindest indirekt zuzuarbeiten oder gar mit diesen zu kooperieren. Am Mittwoch haben italienische Behörden gar das Schiff der deutschen Organisation "Jugend rettet" beschlagnahmt.

"Die Vorwürfe sind so alt wie alter Käse", sagt Hans-Peter Buschheuer, Pressesprecher bei Sea-Eye. "Schleuser sind Mörder und gewissenlose Geschäftemacher. Mit denen wollen wir nichts zu tun haben", sagt er. Zudem seien Schleuser zum Teil auch bewaffnet, weshalb Sea-Eye diese schon der eigenen Sicherheit wegen grundsätzlich meide.

Die italienische Regierung hat nun einen Verhaltenskodex aufgestellt und NGO dazu aufgefordert, diesen zu unterschreiben. Dies hat bei vielen Rettern für Unmut gesorgt. Man habe sich vorverurteilt gefühlt. "Am Anfang standen da lauter Gemeinheiten drin", so Buschheuer.

Deshalb hätten einige NGO die Unterschrift verweigert. Buschheuer sieht den Kodex als Versuch der italienischen Regierung, gegenüber der eigenen Bevölkerung und den europäischen Partnern Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Inzwischen sei der Kodex aber entschärft worden.

Hans-Peter Buschheuer zufolge hat Sea-Eye den Kodex nun unterschrieben – mit einer Einschränkung: "Es wurde von uns verlangt, dass unsere technische Ausstattung jener der italienischen Küstenwache entspricht. Um das zu gewährleisten, bräuchten wir ein paar Millionen", sagt er. Man hätte damit im Grunde der Verschrottung der eigenen Schiffe zustimmen müssen. Deshalb habe man einen Kommentar hinzugefügt, dass man dem nicht zustimmen könne. Man habe sich mit der Unterschrift nicht leicht getan, sich aber darauf besonnen, was man eigentlich wolle: "Wir wollen uns Rechtssicherheit schaffen, unsere Crews schützen und weiter retten", sagt er.
Sea-Eye

Die Organisation "Sea-Eye" gibt es seit dem Herbst 2015. Damals beschloss eine Gruppe um den Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer, den Flüchtlingen im Mittelmeer zu helfen. Die Initiative kaufte einen ehemaligen Hochsee-Fischkutter und rüstete ihn zum Zweck der Seenotrettung um. Im April 2016 nahm die "Sea-Eye" ihre Beobachtungs- und Rettungsaktion vor der Küste Libyens auf: in Seenot geratene und Ertrinkende zu retten und Hilfe herbei zu holen. Die Initiative ist nach eigenen Angaben inzwischen auf 500 Menschen aus ganz Deutschland angewachsen. Sie arbeiten allesamt ehrenamtlich und ohne Bezahlung in dem Projekt mit. (TOR)

Autor: Christine Storck und Moritz Lehmann