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03. März 2009

Schluckspecht bald auf allen Vieren

Im Mai soll die neue "Schluckspecht"-Generation der Hochschule Offenburg am Shell-Eco-Marathon teilnehmen

  1. schluckspecht Foto: bz

  2. ulrich hochberg Foto: hrö

  3. schluckspecht sigrid herb nils-malte Jahn Foto: hochschule

OFFENBURG. Für den "Schluckspecht" brechen neue Zeiten an. Jahrelang glänzte das motorisierte, von Studenten der Hochschule Offenburg seit 1998 mitentwickelte Fahrzeug beim größten internationalen Energie-Effizienz-Wettbewerb, dem Shell-Eco-Marathon, holte mit atemberaubend geringem Spritverbrauch Top-Plätze. Derzeit wird die neueste Generation entwickelt – ein Auto, das den Namen auch verdient: eines mit vier Rädern. Die Zeit drängt: Ob die Studentengruppe um Prof. Ulrich Hochberg den Prototyp bis zum nächsten Wettbewerb am 8. Mai fertig hat, steht in den Sternen.

Da steht er einsam in einer Holzkiste: jener "Schluckspecht III", der zwischen 2003 und 2008 den Namen der Hochschule Offenburg international bekannt gemacht hat, weil er über Jahre hinweg beim berühmten Eco-Marathon für Spitzenergebnisse gesorgt hat, zunächst mit Diesel-Verbrennungsmotor, seit 2006 mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle.

Das Fahrzeug ging auch 2008 auf einer ausgewiesenen Rennstrecke im südfranzösischen Nogaro an den Start. Nach knapp 30 Kilometern, in denen quasi unter Laborbedingungen gefahren wurde, war das "Rennen" aus – dann wurde die noch vorhandene Energie gemessen und um- und hochgerechnet: Der 60-Kilo-Floh hätte mit einem einzigen Liter Super-Benzin exakt 3198 Kilometer geschafft. Anders ausgedrückt: Für 100 Kilometer wären nur 0,0313 Liter Super-Benzin notwendig gewesen. Der Spitzenwert wurde maßgeblich erreicht durch das geringe Gewicht, durch Speziallager und Spezialreifen, durch eine sehr leichte Fahrwerksaufhängung, insgesamt durch eine geringe Reibung. Auch fanden keine unnötigen Tempowechsel, kein Bremsen und Beschleunigen statt – und es saß in dem Einsitzer eine zierliche Studentin.

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Ein solcher Top-Wert ist 2009 nicht drin – sollte es überhaupt bis zum Wettbewerb am 8. Mai zu einem einsatzfähigen Fahrzeug kommen. "Bislang ist erst das Lenkrad fertig", sagt Ulrich Hochberg. Die Studentengruppe hat sich für die neue "Schluckspecht"-Generation ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Das neue Fahrzeug wird kein "Dreirad" mehr sein, einer Seifenkiste ähnlich, sondern einem Sportwagen nahe kommen und überdies weitgehend die Anforderungen der Straßenverkehrsordnung erfüllen, samt Blinkern und Scheinwerfern. Der neue "Schluckspecht" wird auch nicht mehr in der Klasse der Prototypen antreten, wo weitgehend Designer-Freiheit herrscht, sondern in der Kategorie "Urban concept", wo Straßentauglichkeit Pflicht ist.

Dass er die Verbrauchsspitzenwerte des Vorgängermodells nicht mehr erreichen wird, liegt laut Hochberg schon alleine an seinem Gewicht. Er wird mit 160 Kilo fast dreimal so schwer sein. Mehr Gewicht bedeutet auch mehr Reibung.

"Allerdings sollte er nicht nur windschnittig sein, sondern auch schön" – der Kompromiss lässt den Schluckspecht unweigerlich durstiger werden. Ästhetik geht zu Lasten der Wirtschaftlichkeit.

Das Schluckspecht-Projekt erfüllt laut Professor Hochberg drei Kriterien: "Zu 50 Prozent ist es Bestandteil der Lehrerausbildung." An der Hochschule Offenburg werden bekanntlich auch Gewerbeschullehrer ausgebildet. "Zu 30 Prozent ist es ganz seriöse Forschung. Und die übrigen 20 Prozent sollen Spaß machen." Was bei den Studenten wiederum überdurchschnittlich Ressourcen freisetzt für ein noch intensiveres Studium, fürs Tüfteln, welche Materialien ein Auto noch leichter, noch weniger durstig werden lassen. Da sei man schon auf einem guten Weg.

Vom neuen Modell existiert kaum mehr als das Lenkrad
Das neue Auto wird eine Kohlefaserverkleidung haben, es wird sogar schon an einem Folgemodell geschmiedet, welches komplett aus Kohlefaser bestehen wird – bis hin zur Felge. Ob die Hochschule bis zum Wettbewerb am 8. Mai ein fahrbares Fahrzeug wird stellen können, steht noch in den Sternen. "Es gibt bislang nur Einzelteile", lacht Hochberg – und greift zum Lenkrad. Auch der neue "Schluckspecht" wird mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle angetrieben. "Dabei geht Wasserstoff rein, und Strom wird gewonnen." Eine gegenüber den herkömmlichen Kraftstoff-Varianten kostengünstige Serienreife ist dabei selbst mittelfristig nicht zu erwarten: "Mit Benzin oder Diesel wird man im Alltag noch ein gutes Weilchen günstiger fahren."

Auch andere Technologien, etwa Diesel aus Erdgas oder aus nachwachsenden Rohstoffen, dürften dem herkömmlichen Sprit vorerst nicht den Rang ablaufen. Dieser werde sich in den Tanks noch lange halten. Jedem, der heute behauptet, der oder jener Kraftstoff werde aus wirtschaftlichen Gründen der Kraftstoff der Zukunft sein, so Ulrich Hochberg, sei zu misstrauen.

Also könne er nur jedem raten, der sparen will, sich keinen durstigen Pkw zuzulegen, den Bleifuß stets vom Gas zu nehmen, auf den Kavalierstart zu verzichten – und die Klimaanlage nicht ständig in Betrieb zu haben. Er selber fahre privat einen 135-PS-Pkw: "Wenn ich mit Tempo 80 auf der Autobahn fahre, brauche ich weniger als vier Liter."

Autor: Hubert Röderer