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15. März 2017 20:10 Uhr

Offenburg / Karlsruhe

Schwere Ermittlungen nach Terrordrohung in Offenburg

Bei der Anschlagsdrohung in Offenburg geht es auch um mögliche Verbindungen zu tschetschenischen Islamisten im Land. Die Ermittlungen gegen den Verdächtigen gestalten sich schwierig.

  1. Die Ermittlungen stehen erst am Anfang. Foto: dpa

Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe ermittelt gegen einen 22-jährigen Tschetschenen, der in Offenburg mit einem Anschlag auf eine Disko gedroht haben soll. Die Behörden gehen dabei von einem möglichen islamistischen Hintergrund aus. In Deutschland sind tschetschenische Islamisten seit längerem im Fokus der Sicherheitsbehörden – auch in Baden-Württemberg.

Dem Landesamt für Verfassungsschutz liegen Hinweise über islamistische Aktivitäten von Tschetschenen in Baden-Württemberg vor. Dies teilte ein Sprecher des Landesinnenministeriums auf Anfrage der Badischen Zeitung mit. Bekannt sind den Landesbehörden auch vereinzelte Kontakte tschetschenischer Islamisten aus Frankreich in den Südwesten.

Kontakte in die Islamistenszene

Im Fall Offenburg könnten solche Verbindungen möglicherweise eine wichtige Rolle spielen: Bevor der inhaftierte Tatverdächtige den Sicherheitsbehörden auffiel, soll er in Straßburg gelebt haben. Ob er dort Kontakte in die Islamistenszene unterhalten hat, dürfte im Zentrum der laufenden Ermittlungen stehen. Derzeit liegen Staatsanwaltschaft und Polizei keinerlei Hinweise dafür vor. Allerdings dürften sich die Ermittlungen im tschetschenischen Milieu als schwierig erweisen.

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Zwischen 2014 und 2016 haben laut Bundesamt für Migration rund 18.000 Tschetschenen in Deutschland einen Asylantrag gestellt. Die meisten von ihnen leben in Ostdeutschland – darunter auch eine Minderheit, die dem islamistischen Spektrum zugerechnet wird. Sie gelten in Sicherheitskreisen als hochproblematisch. Auch, weil sich unter ihnen dem Vernehmen nach zahlreiche sogenannte Gefährder befinden – Personen also, denen potentiell ein Anschlag zugetraut wird.

Keine Zahlen vom Verfassungsschutz

Wie viele Tschetschenen zum islamistischen Spektrum zählen, ist unklar. Das Bundesamt für Verfassungsschutz gibt an, über keine gesicherten Zahlen zu verfügen. Die Volkszugehörigkeit werde in der Regel nicht erhoben, sagte ein Sprecher dieser Zeitung. Und in Baden-Württemberg? Auch hier geben die Landesbehörden keine Auskunft: "Aus einsatztaktischen Gründen", begründete ein Sprecher des Landesinnenministeriums. Die Zahl dürfte jedoch überschaubar sein.

In den Fokus deutscher Sicherheitsbehörden rückten islamistische Tschetschenen vor allem, seit sich das sogenannte "Kaukasische Emirat" der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) unterstellt hat. Seither kämpfen Tschetschenen verstärkt im Irak und in Syrien auf Seiten des IS gegen das Assad-Regime.

Undurchsichtige Clanstrukturen

Ihre Dschihaderfahrung geht teils auf die beiden Tschetschenienkriege gegen Russland zurück. Tschetschenische Terroristen verübten außerdem zahlreiche, mitunter schwere Anschläge auf russischem Territorium. Ihre Clanstrukturen gelten für Außenstehende als undurchsichtig und sind inzwischen auch in Mitteleuropa weit verzweigt.

Inwieweit sich der Offenburger Verdächtige in diesem Netzwerk bewegt hat, ist unklar. Offenbar äußerte er seine Anschlagsdrohung in einem russischsprachigen Facebook-Portal. In dem Video war noch eine weitere Person zu sehen. Um wen es sich handelt, ist nach wie vor unklar. Werkzeuge oder Waffen, mit denen ein Anschlag hätte verübt werden können, wurden nicht gefunden.

Der Verdächtige bestreitet die Vorwürfe. Die Polizei spricht auch von psychischen Auffälligkeiten des Tatverdächtigen, die eine Aufklärung der Hintergründe zusätzlich erschwerten. Die maßgeblichen Beweggründe des 22-Jährigen sind nun Gegenstand der weiteren Ermittlungen.

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Autor: Sebastian Kaiser