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01. April 2017 17:45 Uhr

Tunnelbau

Rastatt: So funktioniert die riesige Tunnelbohrmaschine

Anfang April haben wir über ein Projekt in Rastatt berichtet. Dort entstehen im Untergrund zwei Eisenbahntunnel, die zeigen, wie es ab 2030 unter Offenburg aussehen wird. Im Einsatz sind dort Tunnelvortriebsmaschinen der Firma Herrenknecht.

  1. Ein Blick von hinten auf das sich drehende Schneidrad, mit dem sich die Maschine durch den Untergrund fräst Foto: Ralf Burgmaier

  2. Mittels Erector und Handarbeit wird ein Stück Tunnelwand versetzt Foto: Ralf Burgmaier

  3. Die Röhre Foto: Ralf Burgmaier

  4. Die Steuerzentrale der Sibylla Augusta Foto: Ralf Burgmaier

Es ist ein Besuch in der Zukunft. Wenn es im Offenburger Untergrund einmal so weit sein sollte wie jetzt im Rastatter, wird der Autor dieser Zeilen aller Voraussicht nach seine Erwerbsarbeitszeit hinter sich haben. Unter der Großen Kreisstadt nördlich von Offenburg fressen sich derzeit zwei 90 Meter lange Tunnelvortriebsmaschinen der Firma Herrenknecht aus Schwanau durch den Rheinkies, um zwei Tunnelröhren für die Rheintalbahn zu bauen. Die Badische Zeitung hatte Gelegenheit, die auf den Namen Sibylla Augusta getaufte Maschine bei der Arbeit zu beobachten.

Unterwegs durch Rheinkiesel

Wer vor dem imposanten nördlichen Tunnelportal steht und in die scheinbar ins Unendliche fluchtenden Röhren hineinlauscht, hört Offenburger Zukunftsmusik. Im stählernen Abraumrohr am Tunnelrand, welches die derzeit in 2300 Meter Entfernung sich vorwärtsfräsende Vortriebsmaschine mit dem Tunneleingang verbindet, klickern die Rheinkiesel.

Die Schneidräder der beiden Maschinen fräsen sich dort vorne, rund 20 Meter unter der Erdoberfläche, durch ein Gemisch aus Rheinkieseln und Sand. Altes Schwemmland, mit dem der Rhein in Jahrmillionen den Oberrheingraben angefüllt hat. Eine der beiden Maschinen ist um der lokalen Tradition willen auf den Namen Sibylla Augusta getauft – nach der Gattin des legendären Raststatter Markgrafen, dem Türken-Louis.

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Bis zu 20 Meter pro Tag

Wenn Sibylla Augusta besonders gut drauf ist, schafft sie 20 Meter Vortrieb am Tag. Über die erwähnte Abraumleitung werden dann täglich bis zu 2000 Kubikmeter Rheinkiesel und Sand ins Freie gepumpt. Das ist die Offenburger Zukunftsmusik, die da in der Leitung klickert. Denn in Offenburg sollen solche Maschinen ab 2030 ebenfalls zwei Tunnelröhren in den Untergrund fräsen.

Hier in Rastatt werden die beiden Herrenknecht-Maschinen und ihre Mineure genannte Besatzung laut Plan mit den beiden jeweils 4270 Meter langen Röhren 2018 im Rohbau fertig sein. Dann kriegen die Tunnel ihre Ausrüstungstechnik, also Oberleitungen und ähnliches, was der Bahnbetrieb braucht. Das Gleisbett wird in die im Durchmesser kreisrunde Röhre horizontal so hineinbetoniert, dass die Schienen für die im Tunnel bis zu 250 Stundenkilometer schnellen ICE’s im Beton versenkt liegen. Das hat den Vorteil, dass im Notfall Rettungsfahrzeuge in den Tunnel einfahren können.

Testfahrten ab 2020

Wenn diese Arbeiten beendet sind, beginnen ab 2020 die Testfahrten. "Wir rechnen damit, 2022 den Normalbetrieb in den beiden Rastatter Tunnelröhren aufnehmen zu können", erklärt Bahnsprecher Michael Bressmer, bevor er eine Handvoll Journalisten in die Schmalspurbahn bittet, um in die östliche der beiden Rastatter Tunnelröhren einzufahren.

Wir sind eine Gruppe von sieben Journalisten, die das Privileg hat, den Maschinen und ihrer Besatzung bei der Arbeit zuzusehen. Größere Gruppen wie die Offenburger Delegation aus Stadträten, Verwaltung und Bürgerinitiative Bahntrasse, die im Oktober 2016 die Rastatter Tunnelbaustelle besichtigte, um sich ein Bild zu machen, was auf Offenburg zukommt, durften nur beim Tunnelportal in die Röhre gucken.

Acht Mann Besatzung reichen aus

Denn 25 Leute auf der Sibylla Augusta – das wäre ein Alptraum für Matthias Spegele, den Sicherheitschef der Baustelle. Der Schwabe ist froh, dass im Normalbetrieb eine Acht-Mann-Besatzung genügt, um Sibylla Augusta in Schwung zu halten. Je weniger Menschen im Tunnel, desto besser unter Sicherheitsgesichtspunkten. Wer sich klar macht, dass ein Bauwerk so pharaonischen Ausmaßes von einer Supermaschine mit nur acht Mann Besatzung pro Schicht erstellt wird, erhält einen Vorgeschmack auf das posthumane Zeitalter, wenn Maschinen den Menschen vielleicht ganz aus der Arbeitswelt und anderen Lebensbereichen verdrängt haben werden. Natürlich sind über Tage viel mehr Menschen mit diesem Megabauwerk befasst, aber hier unten sind es nur die acht, die gleich Besuch bekommen.

"2022 soll der erste Zug hier fahren", grübelt der Offenburger während der ruckeligen Fahrt durch die Röhre in Richtung Sibylla Augusta. Und das obwohl der Planfeststellungsbeschluss für Rastatt laut Michael Bressmer schon 1996 gefallen war! Offenburg ist von so einem Beschluss noch weit entfernt.

"In Offenburg haben wir die Finanzierungszusage. Weil die in Rastatt fehlte, hat es dort so lange gedauert."

Bahnsprecher Michael Bressmer
Dort gibt es nach mehr als zehnjährigem Kampf gegen die ursprünglichen Pläne der Bahn, das zusätzliche dritte und vierte Güterzuggleis der Rheintalbahn mitten durch die Innenstadt zu bauen, seit Januar 2016 immerhin das finanzielle Okay des Bundestags für einen Tunnel unter Offenburg. Aber einen Planfeststellungsbeschluss gibt’s noch lange nicht. Der ist von den Bahnplanern für 2024 anvisiert.

In Rastatt wird es vom Planfeststellungsbeschluss im Jahr 1996 bis zur voraussichtlichen Inbetriebnahme in 2022 somit 26 Jahre gedauert haben. Wie realistisch ist es da, dass die Züge in Offenburg bereits 2035 durch die beiden Tunnelröhren rollen werden, wie die Bahn in Aussicht gestellt hat? "In Offenburg haben wir schon die Finanzierungszusage. Weil die in Rastatt fehlte, hat es dort so lange gedauert," beruhigt der Bahnsprecher.

Ständiger Kampf gegen das Grundwasser

An der 90 Meter langen Sybilla Augusta, welche die am Rastatter Tunnelprojekt tätige Arbeitsgemeinschaft der Baukonzerne Hochtief und Züblin 20 Millionen Euro gekostet hat, soll’s nicht liegen. Die arbeitet mit ruhiger Präzision am Tunnelvortrieb. Das Schneidrad mit elf Metern Durchmesser fräst sich rund um die Uhr durch den Kies. Eigentlich müsste der Tunnel komplett geflutet sein, denn die Maschine arbeitet in der Grundwasserzone. Hier hilft clever angewandte Physik: Eine Flüssigkeit mit einer höheren Dichte als Wasser, die Fachleute nennen sie eine Bentonit-Suspension, läuft, vereinfacht gesagt, vor dem Schneidrad herunter und hält so das Grundwasser draußen.

Hat Sibylla Augusta sich mittels Schneidrad weitere drei Meter in Richtung Offenburg vorgegraben, wobei sie sich mit vierzehn Doppelhydraulikpressen gegen Rand der bereits gebauten Betontunnelröhre stemmt, um genügend Vortriebsdruck zu entwickeln, dann stoppt der Mineur in der Steuerzentrale die Drehung des Schneidrads.

Sieben tonnenschwere Teile bilden einen Ring

Die Schmalspurbahn hat derweil vom Nordportal neue Tunnelfertigteile herangefahren, sogenannten Tübbinge. Diese rollen auf den Schienen unter die Sybilla Augusta heran, wo sie der sogenannte Erector – er heißt halt so – mittels Unterdruck ansaugt und mit einer Drehbewegung vor die vorgesehene Stelle an der Tunnelwand wuchtet. Ein Mineur versetzt den Tübbing unter Anleitung des Vorarbeiters per Fernsteuerung millimetergenau an die richtige Stelle, wo er mit seinem Nachbar verdübelt wird.

Eine Dichtung an den Seiten verhindert hier das Eindringen des Grundwassers in die Röhre. Sieben Tübbinge, jeder elf Tonnen schwer, ergeben einen neuen Tunnelring. Nach einer Dreiviertelstunde ist er fertig. Die Hydraulikpressen stemmen das erneut in Rotation versetzte Schneidrad am Tunnelrand nach vorn und weiter geht die Wühlarbeit. Und wieder klickert Offenburger Zukunftsmusik in Form von Rheinkieseln durch das Abraumrohr nach draußen.

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Autor: Ralf Burgmaier