"Uns Bürgern traue ich das zu"

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Von ges

Sa, 20. Oktober 2012

Offenburg

BZ-INTERVIEW: Susanne Wiest über das bedingungslose Grundeinkommen, ein völlig vereinfachtes Steuersystem und Visionen.

OFFENBURG. Mit Susanne Wiest kommt eine Frau nach Offenburg, der es mit ihrer Petition 2009 gelang, den Server des Bundestages zusammen brechen zu lassen: Mehr als 52 000 Menschen unterschrieben ihre Forderung nach Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Unter dem Titel "1000 Euro für alle! Utopie oder Vision" will die 45-Jährige aus Greifswald für ihr Anliegen werben. Gertrude Siefke sprach mit der Aktivistin.

BZ: Was würden Sie denn arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?
Wiest: Ich habe früher immer gesagt, ich würde das tun, was ich jetzt auch tue, nur viel entspannter und freier. Da ich derzeit krank bin, nimmt die Bedeutung des bedingungslosen Grundeinkommens für mich noch zu. Man muss sich auch das Kranksein leisten können. Es geht um die Würde des Menschen.

BZ: Von Helmut Schmidt kommt die Bemerkung: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Was würden Sie dem Altkanzler entgegnen?
Wiest: Wenn er krankhafte Halluzinationen meint, stimme ich ihm zu. Visionen – das ist so ein Wort, das im gesunden und im kranken Bereich angesiedelt ist. Mir geht es um Ideen, um Gestaltungsimpulse. Ohne diese Impulse für die Zukunft kommen wir als Gesellschaft gar nicht weiter. Es geht um Antworten auf Fragen unserer Zeit. Wie gehen wir mit der Arbeitslosigkeit um? Wie gehen wir mit der zunehmenden Individualisierung um, mit den individuellen Erwerbsbiografien? Oder denken Sie an die ganze familienpolitische Debatte, an die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Derzeit wird nach Stücklösungen gesucht, die viele Sonderregelungen benötigen. Das bedingungslose Grundeinkommen ist meiner Meinung nach der eleganteste Weg, um die Bürger abzusichern.

BZ: Sämtliche Steuerregelungen und alle Steuervergünstigungen müssten Ihrer Meinung nach außer Kraft gesetzt werden, es gäbe nur noch eine Konsumsteuer – wem trauen Sie einen solchen radikalen Umbau des Steuersystems am ehesten zu?
Wiest: Uns Bürgern traue ich das zu. Es geht um die Ermächtigung zur Selbstermächtigung. Um die Erkenntnis: Die Dinge liegen in unserer Verantwortung. Wir Bürger in all unserer Verschiedenheit entscheiden uns für diesen Weg – und dann beauftragen wir egal welche Partei, das umzusetzen. Wir müssen die Parteien wieder als ausführende Organe begreifen und weg kommen von dieser eher bevormundenden Politik. Jeder Bürger zahlt beim Konsumieren seine Steuer. Das wäre gerecht, da ein Gut, eine Ware, eine Dienstleistung nur auf dem Boden unseres Gemeinwesens entstehen können und ich dann, wenn ich ein Gut in Anspruch nehme, es also kaufe, dem Gemeinwesen mit der Steuer etwas zurückgebe. Die Arbeit selbst würde nicht mehr steuerlich belastet.

BZ: Sie haben inzwischen an sehr vielen Talkshows teilgenommen – welche Frage können Sie nicht mehr hören?
Wiest: "Wie wollen Sie das finanzieren?" Diese Frage ist schon falsch gestellt. Es geht ja nicht darum, dass ich etwas finanziere, dass ich die Frau bin, die alle Lösungen für alle in der Tasche hat. Finanzieren muss das die Gemeinschaft, und wir müssen die ganze Geschichte gemeinsam entwickeln.

BZ: Und Ihre wichtigste Erfahrung aus den vergangenen zwei Jahren?
Wiest: Das ist die Erkenntnis, dass ich und wir alle für unsere Belange verantwortlich sind. Es geht nicht darum zu delegieren, sondern zu organisieren. Ich brauche niemanden mehr, der es für mich regelt. Sondern ich ergreife selbst die Initiative. Frei, eigenverantwortlich und zusammen – das sind die entscheidenden Parameter.

Termin: Mittwoch, 24. Oktober, 19.30 Uhr, Mensa des Schulzentrums Nordwest, Veranstalterin: Interessengemeinschaft Bedingungsloses Grundeinkommen Ortenau (IG BGO). Karten im Weltladen Regentropfen, Lange Straße 19, und an der Abendkasse. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten. Weitere Informationen zu Susanne Wiest unter http://www.grundeinkommen-bundestag.de