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15. November 2011
"Viel Zeit für die eigene Geschichte"
BZ-INTERVIEW zum "Trost-Tag" mit Trauerbegleiterin Wörner.
OFFENBURG. Passend zum Trauermonat November bietet die Fachkrankenschwester und Trauerbegleiterin Brigitte Wörner einen Trost-Tag an: Am Samstag, 26. November, soll ein Raum für alle ambivalenten Gefühle der Trauer geboten werden. Gertrude Siefke fragte bei der Bildungsreferentin nach.
BZ: Miteinander trauern – wie soll das funktionieren?Wörner: In der Regel funktioniert das sehr gut, weil die Menschen Solidarität spüren. Ich erlebe das immer wieder: Wenn rechts und links jemand sitzt, der auch einen lieben Menschen verloren hat, fühlt man sich viel ehrlicher angenommen und merkt die gemeinsame Wellenlänge. Das ist für die Betroffenen viel hilfreicher, als wenn eine professionelle Kraft sagt: Wir empfinden mit Ihnen.
BZ: Ist Trauer nicht eine sehr individuelle Angelegenheit?
Wörner: Einerseits ja, ganz klar. Aber es gibt inzwischen Forschungen, die belegen, dass die individuellen Trauerabläufe durchaus miteinander vergleichbar sind. Die erste Phase lässt sich als Schock fassen. Die zweite Phase ist von ganz dichter Emotionalität geprägt, von Wut, Zorn, Tränen. In der dritten Phase geht es darum, Kopf und Herz wieder in eine Balance zu bringen. Die vierte Phase schließlich wird als Integration bezeichnet; der Trauernde versucht, den Verlust in sein Leben einzubetten. Ich spreche daher auch lieber von einer Bearbeitung von Trauer als von einer Verarbeitung.
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Wörner: Möglicherweise hat der Trauernde dann therapeutische Hilfe nötig. Wobei sich keine zeitlichen Spannen nennen lassen. Trauerarbeit funktioniert nicht nach dem Motto: Nach anderthalb Jahren bin ich wieder rund.
BZ: Mit 65 Euro ist eine Teilnahme nicht ganz billig. Böse formuliert: Wird da aus einer Notsituation nicht Kapital geschlagen?
Wörner: Nein, gewiss nicht. Bedauerlicherweise finanzieren die Krankenkassen die Trauerbegleitung nicht mit, sondern ausschließlich die therapeutische Hilfe. Wobei der Ansatz der freiberuflichen Trauerbegleitung gerade lautet, dass Trauer keine Krankheit ist und daher auch nur bedingt therapeutisch behandelt werden sollte. Würden sich Sponsoren finden, könnten die Kosten gesenkt werden, was ich selbst begrüßen würde. Wobei grundsätzlich gilt: Trauerbegleitung scheitert nicht an den Kosten. Wenn es sich jemand nicht leisten kann, werden wir einen Weg finden. Dafür garantieren auch die Träger des gesamten Projekts, das katholische Bildungszentrum der Erzdiözese Freiburg, die Evangelische Erwachsenenbildung Ortenau und die Citypastoral Offenburg.
BZ: Wie läuft denn ein solcher Trauertag ab?
Wörner: Es handelt sich um einen geschützten Raum, in dem Regeln gelten wie die Einhaltung der Schweigepflicht. Jeder kann zu Wort kommen, es soll viel Zeit für die eigene Geschichte eingeräumt werden. Darüber hinaus besteht die Chance, nicht nur beim Wort zu bleiben: Wir werden Musik als Ausdruck von Trauer hören, es gibt Entspannungsübungen und kreative Möglichkeiten wie das Malen eines Bildes. Die Richtschnur geben die Trauernden vor, das ist mir ganz wichtig. Wir haben einen ganzen Tag Zeit – das dürfte dabei sehr hilfreich sein.
BZ: Können auch Kinder teilnehmen?
Wörner: Nein. Kinder müssen ganz anders begleitet werden. Sie gehen anders mit Trauer um als Erwachsene. Sie können in diesem Moment zutiefst traurig sein und im nächsten Augenblick über einen Witz lachen. Fachleute vergleichen dieses Verhalten mit Pfützenspringen. Für Kinder müsste es ein eigenes Angebot geben.
BZ: Wie sind Sie selbst zur Trauerbegleiterin geworden?
Wörner: Aus persönlicher Erfahrung heraus, da ich in relativ jungen Jahren meine Mutter verloren habe. Als Krankenschwester habe ich zudem jahrelang im intensivmedizinischen Bereich gearbeitet und hatte immer wieder mit Leuten zu tun, die relativ plötzlich den Tod eines geliebten Menschen erleben mussten. Meine eigene Unsicherheit, angemessen mit den Trauernden umzugehen, hat mich zu dieser Zusatzausbildung bewogen.
Autor: ges
