"Viele blockieren nur die Notaufnahme"

ddn

Von ddn

Fr, 08. Dezember 2017

Offenburg

Klinikleitung besorgt über nur vermeintliche Notfälle – häufig wäre der Notdienst der Kassenärztlichen Vereinigung die richtige Adresse.

OFFENBURG (ddn). In neun von zehn Fällen ist im Ortenaukreis 2016 die vom Land geforderte Hilfsfrist bei Notarzteinsätzen eingehalten worden. Rettungswagen oder Notarzt sollen in 95 Prozent der Fälle innerhalb von zehn, allerhöchstens 15 Minuten beim Patienten eintreffen. In der Ortenau lag die Quote bei ganz genau 91,2 Prozent, wie die Verwaltung in der Sitzung des Krankenhausausschusses deutlich machte.

Anlass war ein von den Volksvertretern eingeforderter Überblick, was die Umsetzung des "Modells Landrat" zur Reform der Klinikstruktur eigentlich mit der Notarztversorgung anstellt – sind doch die Kliniken oftmals Notarztstandort und betreiben ihre eigenen Notaufnahmen.

Das wird auch mit der Schließung des Krankenhauses in Gengenbach, wie berichtet, nicht geändert. Laut Kreisverwaltung sei die Gengenbacher Notaufnahme zuletzt ohnedies nur noch tagsüber geöffnet gewesen, und auch in dieser Zeit sei bei schwerwiegenden Fällen schon eines der Traumazentren in Offenburg oder Lahr angesteuert worden. Weitere Konsequenzen für die Notfallversorgung ergäben sich aus der Umsetzung des Modells Landrat nicht, heißt es weiter.

"Das zeigt unser desolates Gesundheitssystem"

Das Thema geht eigentlich jeden an – das belegen eindrucksvoll die Zahlen, die die Verwaltung den Kreisräten vorlegte. Demnach wurden 2016 knapp 11 000 Einsätze an den Notarztstandorten in Achern (1407), Oberkirch (880), Kehl (1248), Offenburg (2496), Hausach (1245), Lahr (1916) und Ettenheim (1216) gefahren. Mehr als zehn Mal so viele Fälle allerdings zählte der Kreis im vergangenen Jahr in den Notaufnahmen seiner Kliniken: 132432 Patienten wurden dort registriert, rein rechnerisch mehr als ein Viertel der Einwohner des Kreises. Spitzenreiter hier natürlich Offenburg mit mehr als 60 000 Patienten, aber auch in Lahr mit 30 000 und Achern mit rund 10 000 Patienten war gut was los. Die hohe Zahl in Offenburg kommt auch durch die Inanspruchnahme der dort angesiedelten Kinder- und Augenkliniken zustande. Kommentar von Kreisrat und Mediziner Eberhard von Hodenberg: "Das zeigt unser desolates Gesundheitssystem, wenn man Monate auf einen Arzttermin wartet, geht man eben in die Notaufnahme."

Die hohe Zahl der vermeintlichen "Notfälle" macht der Klinikleitung seit langem Sorgen – "Viele blockieren nur unsere Notaufnahmen", so Geschäftsführer Christian Keller. Dies führe dann auch zu den von den Bürgern oftmals beklagten langen Wartezeiten. Das gilt, wie Landrat Frank Scherer erläuterte, auch für die Notrufe, die in der Integrierten Leitstelle beim Landratsamt ankommen: "Wenn Sie mal sehen, was da alles als Notfall aufläuft, und welch schwierige Aufnahme die Mitarbeiter dort bei der Einschätzung haben..." Auch in den Notaufnahmen sei offensichtlich, dass es sich oftmals nicht um Notfälle handle – diese Patienten wären eigentlich beim Notdienst der kassenärztlichen Vereinigung an der richtigen Adresse. Hier allerdings scheint es Lücken zu geben, Kreisrat Claus-Dieter Seufert wies darauf hin, dass eine solche Einrichtung in Kehl bislang nicht existiere.

Auf hohem Niveau ist im Kreis nach Darstellung der Verwaltung die Versorgung von Infarktpatienten, die stationäre Behandlung bei Verdacht auf Herzinfarkt erfolge im Lahrer Klinikum oder dem dortigen Herzzentrum, wo es so genannte Linksherzkathedermessplätze gebe. Bei Verdacht auf Schlaganfall findet die Erstversorgung nach den Vorgaben des Landes unmittelbar in einer der beiden Stroke Units in Lahr oder Offenburg statt.

Massive Probleme, so Eberhard von Hodenberg, selbst Arzt am Herzzentrum in Lahr, gebe es in der täglichen Praxis weniger mit den Notarzteinsätzen, sondern mit den ganz normalen Krankentransporten beispielsweise zwischen verschiedenen Kliniken.

"Jeder Infarktpatient", so der Mediziner, "ist heute zehnmal besser versorgt als vor zehn Jahren". Auf normale Krankentransporte dagegen müsse man oft sechs oder acht Stunden warten, bisweilen seien die gebuchten Betten im Zielklinikum dann schon wieder vergeben. Das trifft auch das Ortenauklinikum: "Die Transporte machen uns Riesensorgen", so Geschäftsführer Keller, man habe schon darüber nachgedacht, dies selbst in die Hand zu nehmen.