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19. Juli 2010

Vom Handwerker zum Drogenboss

39-Jähriger aus dem Renchtal soll Marihuana für mehr als 700 000 Euro umgesetzt haben.

  1. Indoor-Zuchtanlage. Foto: Polizei

OFFENBURG/OBERKIRCH. Der Versuchung des schnellen Reichtums konnte ein selbstständiger Handwerker aus dem Renchtal nicht widerstehen. Deshalb wurde der 39-jährige zum Drogendealer und steht nun wegen gewerbsmäßigen Drogenhandels in großem Stil und mindestens 22 Fällen vor der 2. Großen Strafkammer beim Landgericht Offenburg.

Der Prozess steht in Zusammenhang mit einer Serie von Verfahren, in denen Personen der Ortenauer Drogenszene teilweise rechtskräftig bereits zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt worden sind. Einige hatten in Offenburger Wohnungen sogenannte Indoor-Anlagen zur Aufzucht von Cannabispflanzen angelegt, erhebliche Mengen von Pflanzen mit großem Aufwand angebaut und kiloweise Marihuana geerntet (wir berichteten). Der 39-jährige dürfte ein wichtiger Mittler in dieser Hierarchie gewesen sein: Über drei Jahre lang soll er als Großabnehmer aufgetreten sein und Konsumenten im Raum Oberkirch mit dem Stoff versorgt haben. Seit Ende Januar 2010 sitzt er in Untersuchungshaft.

Die Drogenkarriere des Angeklagten begann im Jahr 2006, als er mit der einschlägigen Szene in Offenburg in Kontakt kam. Bis August 2009, so die Anklage der Staatsanwaltschaft, habe er danach als Großabnehmer dafür gesorgt, dass die Ernten aus Offenburg an die Konsumenten im Renchtal gelangten. Mit eigenen Gewinnen natürlich. Mit den Einnahmen aus dem neuen illegalen Job habe er auf Dauer seinen komfortablen Lebensunterhalt bestreiten wollen. In mindestens 22 Fällen habe er insgesamt 146 Kilo Marihuana erworben. Auch den Gesamtpreis für die Käufe und Verkäufe haben die Ermittler genau zusammengetragen: 705 600 Euro habe der Angeklagte dafür umgesetzt. Damit ist der Mann in Drogenkreisen mit Sicherheit kein kleines Licht.

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Zum Prozessauftakt regte der Verteidiger Richard Sauer aus Freiburg eine Absprache über das Höchstmaß der Strafe an. Nach einer Unterbrechung und längeren Beratungen der Beteiligten gab der Vorsitzende Herbert Schmeiser den Hinweis, dass dem Angeklagten nach den Erörterungen keine Höchststrafe in Aussicht gestellt werden könne. Eine Einigung habe es nicht gegeben.

Im weiteren Verlauf zeigte sich der Angeklagte redselig und äußerst mitteilsam. Das Bild vom geldgierigen Dealer wies er von sich: "Ich lebe ganz bescheiden. Auf ein luxuriöses Leben lege ich keinen Wert." So habe er seine Fernreisen nur unternommen, um Länder, Natur und Menschen kennenzulernen. Seine pflegebedürftige Mutter habe er unterstützt, und er zahle regelmäßig Unterhalt für seine Kinder. Auch sei er sehr gläubig und hilfsbereit. "Ich bete viel. Auf Gebete höre ich Resonanz. Oft gehe ich in den Gottesdienst." Zu seinen finanziellen Verhältnissen gab er an, dass er die Ausbildung zum Schreiner abgebrochen habe. Danach sei er als selbstständiger Hausmeister tätig gewesen. "Mein Verdienst im Jahr lag bei ungefähr 17 000 Euro. Beim Finanzamt habe ich noch Schulden." Im Hinblick auf Drogen sei er bereits verurteilt worden. Inzwischen habe er mit dem eigenen Konsum aufgehört. "Weil es nichts bringt." Alkohol trinke er nicht im Übermaß. Die Fahrerlaubnis wurde ihm im vergangenen Jahr nach einer Drogenfahrt entzogen. Die gegenwärtige Untersuchungshaft, klagte er, sei die Hölle. Er schreibe deshalb oft und lange Briefe. Der Vorsitzende erkundigte sich nach seinem Wohnmobil, das er verschwiegen hatte. "Das habe ich vor längerer Zeit meiner Freundin überlassen," behauptete er. Schmeiser zitierte aus den Akten. "Die weiß davon aber nichts."

Zu den Vorwürfen gab der Angeklagte an, dass er im Frühjahr 2006 zum ersten Mal mit dem Offenburger in Kontakt kam, der die Indoor-Anlagen betrieb. Es sei nach seiner Erinnerung auf einer Geburtstagsfeier gewesen. Danach habe der ihm die Anlage in einer Wohnung gezeigt. "Zuerst habe ich ihm 50 Gramm abgekauft. Dann mehr und noch mehr bis zu mehreren hundert Gramm. Da die Nachfrage stieg, haben wir schließlich noch größere Mengen vereinbart." Von einem Kilogramm habe er rund 200 Gramm für sich behalten und auf eigene Rechnung verkauft. Die Übergaben hätten immer in Offenburg stattgefunden. "Im Jahr 2009 ist dann mein eigener Abnehmer krank geworden, so dass ich nicht mehr so viel abkaufen konnte." Auf die Frage nach den konkreten Abläufen sagte er: "Auf Kommission habe ich nie etwas erhalten. Ich habe immer bar bezahlt."

Das Verfahren vor dem Landgericht Offenburg wird voraussichtlich bis zum 23. Juli fortgesetzt.

Autor: Klaus-Peter Becker