Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
19. Januar 2010
Privatschulen
Waldorfschule bei Demo: "Ziel ist Gleichbehandlung"
BZ-INTERIEW: Ursula Berlage, Geschäftsführerin der Waldorfschule, geht heute demonstrieren
OFFENBURG. Heute, Dienstag, werden in Stuttgart Schüler, Eltern und Lehrer von so gut wie allen Privatschulen Baden-Württembergs für mehr Geld – höhere Landeszuschüsse – demonstrieren. Auch 200 Schüler, Eltern und Lehrer der Freien Waldorfschule Offenburg nehmen an der Demonstration teil. Die Geschäftsführerin der Freien Waldorfschule Offenburg, Ursula Berlage, erklärt im Interview mit Pascal Cames die Hintergründe der Demonstration.
BZ: Frau Berlage, worauf können sich Baden-Württembergs Privatschulen bei ihrem Protest berufen?Ursula Berlage: Zunächst auf das Grundgesetz, in dem steht, dass es ein Recht zur Errichtung von privaten Schulen gibt, und diese Schulen jedermann zugänglich sein müssen. Der Staat darf dieses Recht nicht beschneiden. Zwar werden seit Jahren Gerichtsprozesse geführt, aber diese sind noch zu keinem Ergebnis gekommen. In Baden-Württemberg gab es 2006 einen Koalitionsbeschluss, der besagt, dass private Schulen 80 Prozent der Kosten einer öffentlichen Schulen als Zuschuss erhalten sollen. An der Koalition hat sich nichts geändert, aber vom Deckungsgrad von 80 Prozent sind wir noch sehr weit entfernt. Im Grundschulbereich sind es nur 63 Prozent, im Gymnasialbereich um die 75 Prozent die wir als Zuschüsse erhalten.
Werbung
BZ: Wie viel Geld fehlten Ihnen?
Berlage: Pro Schüler sind es im Jahr rund 800 Euro, das macht bei über 600 Schülern 480 000 Euro. Hoch gerechnet auf alle Privatschulen in Baden-Württemberg geht es um Millionenbeträge. Unser Kostendeckungsgrad sinkt aber immer weiter, weil zum Beispiel in öffentliche Schule in den letzten Jahren viel investiert wird. Stichwort Ganztagsschule, da wurden wir nicht berücksichtigt.
BZ: Spart Baden-Württemberg Geld durch seine Privatschulen?
Berlage: Ja natürlich, ich kann Ihnen auch sagen wie viel. 80 Millionen Euro spart das Land an seinen Waldorfschulen, insgesamt, mit allen Privatschulen, sind es 275 Millionen.
Waldorfschule zu schicken."
BZ: Wofür muss die Offenburger Waldorfschule eigenes Geld aufbringen?
Berlage: Zunächst haben wir die Verantwortung und Pflicht unsere Lehrer so zu bezahlen, dass sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Dann müssen wir unser Schulgebäude unterhalten und Kredite dafür bedienen sowie für die Altersvorsorge unserer Lehrer sorgen. Das ist im Kostenschlüssel nicht erfasst. Wie Sie sich denken können ist es bei knappem Budget sehr schwierig qualifizierte Lehrer zu bekommen. Trotzdem gelingt es immer wieder, sehr engagierte und hoch qualifizierte Lehrkräfte zu gewinnen, weil die Arbeit mit den Kindern so viel Freude macht.
BZ: Wie gleichen Sie das fehlende Geld aus?
Berlage: Natürlich versuchen wir über Spenden dieses Loch zu stopfen, aber das
reicht nicht. Auch ist ehrenamtliche Engagement von Eltern und Lehrern hoch, aber das darf man nicht über strapazieren. Wir sind auf Elternbeiträge angewiesen. Aber hier sind wir in der Zwickmühle, durch das Sonderungsverbot dürfen Elternbeiträge nicht zu hoch sein. Alle Eltern sollen sich auch eine Privatschule leisten können. Wir können das Schulgeld aber nicht so gering halten, wie wir wollen, sonst könnten wir die Schule nicht betreiben.
BZ: Haben Sie dann nur Kinder von vermögenden Eltern?
Berlage: Zum Glück nicht. Ein Drittel aller Eltern bezahlen einen ermäßigten Beitrag. Wir machen es jeder Familie möglich, ihr Kind auf die Waldorfschule zu schicken. Das geht natürlich nur, wenn die Kosten umgelegt werden. Wir sind eine Solidargemeinschaft im positiven Sinne.
BZ: Das Land hat historische Steuerausfälle, sind Sie trotzdem optimistisch?
Berlage: Insgesamt bin ich schon guter Dinge, trotz geburtenschwacher Jahrgänge erleben wir immer noch großen Zuspruch. Mit der Früheinschulung und G8
sind viele Eltern unzufrieden, bei uns finden Sie etwas anderes vor. Wir sehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als Alternative. Es gibt sehr viele öffentliche Schulen die sehr gute Arbeit leisten. Uns geht es nur um eine Gleichbehandlung.
Autor: cam
