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22. Juni 2009 14:09 Uhr

Protest

Was hält der Offenburger AStA-Vorstand vom Bildungsstreik?

Lehrermangel, Studiengebühren und zu viel Prüfungsstress – dagegen haben rund 240.000 Schüler und Studenten in vielen deutschen Städten demonstriert. Was hält der Offenburger AStA-Vorstand vom Bildungsstreik?

  1. Patrick Müller, Vorstand des Offenburger AStA Foto: britta kuck

OFFENBURG. Rund 240 000 Schüler und Studenten haben in der vergangenen Woche gegen Lehrermangel, Studiengebühren und zu viel Prüfungsstress demonstriert. In Freiburg gingen etwa 3000 auf die Straße und forderten Bildung für alle. Warum die Studierenden der Hochschule Offenburg sich nicht am Bildungsstreik beteiligten und was mit den Studiengebühren in Offenburg passiert, darüber hat sich Britta Kuck mit dem Vorstand des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses (AStA) der Hochschule Offenburg, Patrick Müller (25), unterhalten.

BZ: Warum sind die Offenburger Studenten so bequem? Oder gibt es keinen Grund zu streiken?
Patrick Müller: Wenn ich wüsste, dass 200 bis 300 Leute mitmachen würden, würde ich auf jeden Fall einen Streik organisieren. Aber die Mühe lohnt sich leider nicht. Ich versuche seit vier Jahren die Studenten zu mobilisieren – die Studenten interessiert es nicht. Denen ist egal, wie’s läuft, Hauptsache sie bekommen ihr eigenes Studium problemlos hin.
BZ: Aber um das eigene Studium geht es doch beim Bildungsstreik. Studierende in vielen Städten haben sich beschwert, dass sie nur noch lernen und kaum mehr Zeit für anderes haben.

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Müller: Genau. Allerdings ist es den Kommilitonen in Offenburg wichtiger, jetzt für die Prüfungen zu lernen, anstatt sich dafür einzusetzen, dass sie es im nächsten und übernächsten Semester besser haben könnten. Man kann bei uns an der Hochschule eindeutig von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft reden, mit denen, die versuchen, was zu bewegen, auf der einen Seite und auf der anderen Seite ist die große Masse, die nicht bereit ist, sich zu engagieren, die möglichst abgekapselt bleiben will.
BZ: Wie ist die Situation an der Hochschule Offenburg?
Müller: Ein Streik würde sich schon lohnen. Überfüllte Hörsäle sind auch bei uns ein Problem. Ein Beispiel: In einem Labor für Maschinenbau gibt es 42 Plätze. Und wenn es dann mal ein Semester mit 60 Studenten gibt, kann es schon eng werden. Bis 2012 soll an der Hochschule Offenburg ja die Studierendenzahl von derzeit 2500 auf 4000 erhöhen. Bis dahin muss noch einiges passieren.
BZ: Die Studenten fordern bundesweit selbstbestimmtes Lernen, also die Abschaffung von Pflichtveranstaltungen, Studiengebühren für niemanden und Bafög für alle. Gute Idee?
Müller: Selbstbestimmtes Lernen haben wir in Offenburg schon. Wir bestimmen selbst, welche Veranstaltungen wir besuchen oder ob wir uns die Lehrinhalte selbst aneignen wollen. Bafög für alle finde ich nicht schlecht. Ich finde, es sollte einen Mindest-Bafög-Satz von 200 Euro geben. Ich selbst habe nämlich 28 Euro Bafög bekommen – dafür lohnt sich der ganze Aufwand, das Bafög zu beantragen, gar nicht. Deshalb verzichte ich jetzt darauf.
BZ: Es gibt aber nun mal auch Studierende, deren Eltern genug verdienen. Also wirklich Bafög für alle?
Müller: Die Staffelung nach dem Einkommen muss natürlich beibehalten bleiben. Aber einen Mindestgrundstock sollte es auf jeden Fall geben.
BZ: Stichwort Studiengebühren.
Müller: Wie die Studiengebühren an vielen Hochschulen verwaltet werden, ist nicht in Ordnung. Ich habe aber nichts gegen Studiengebühren, wenn sie den Studenten zugute kommen und wenn keine Verwaltungskosten entstehen. In die eigene Bildung zu investieren ist schon sinnvoll.
BZ: Der Vorwurf der Studenten lautet ja aber gerade: Unsere Studiengebühren werden verwendet, um Haushaltslöcher zu stopfen.
Müller: Das ist zum Beispiel in Freiburg so. Wir hier in Offenburg stopfen damit definitiv keine Haushaltslöcher. Das Geld fließt zu 100 Prozent in die Verbesserung der Lehre. Und falls das nicht der Fall wäre, dann wäre ich wohl der erste, der im Rektorat auf den Tisch klopft.
BZ: Was ist konkret mit dem Geld gemacht worden?
Müller: Wir haben die Lern-Ecken vergrößert, wir haben neue Rechner angeschafft, wir haben den Tutoren-Bereich auf mittlerweile fast jeden Studiengang ausgeweitet, wir haben Personal eingestellt, so dass jetzt auf einen Mitarbeiter oder Professor 20 Studenten kommen, was sehr gut ist. Und es gibt zusätzliche Lehrveranstaltungen. Wichtig ist, dass das Geld den Studenten jetzt schon zugute kommt, und nicht erst in zwei, drei Jahren.
BZ: Ganz oben auf der Beschwerdeliste der streikenden Studenten steht der Bachelor. "Nur Chuck Norris schafft den Bachelor in Regelstudienzeit", wurde beim Streik in Berlin geklagt.
Müller: Dann gibt es Chuck Norris allein in Offenburg aber schon ein paar Mal. Der Bachelor ist in der Regelstudienzeit zu schaffen. Dennoch braucht der Durchschnitts-Studenten länger.
BZ: Also muss doch das gute alte Diplom bei den Ingenieurstudiengängen wieder her.
Müller: Das Problem ist, dass heute immer noch viele Arbeitgeber mit dem Bachelor nichts anfangen können, wohingegen ein deutsches Diplom in Europa sehr hoch angesehen war. In meinem Fach, Maschinenbau, ist bei der Umstellung von Diplom auf Bachelor ein Praxissemester weggefallen. Der Bachelor ist nicht so schlecht, wie er gemacht wird. Allerdings würde ich auch lieber auf Diplom studieren. Das eine Semester, das wegfällt, macht sich schon bemerkbar.

Autor: bku